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#1 I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von Aphrodite 04.09.2010 10:56

Ich hoffe, dass die Einteilung der Leseabschnitte für euch verständlich ist. Das Buch selbst ist in zwei Teile gegliedert, das wiederum mehrere Kapitel enthält. Habe das versucht, dies alles möglichst klar zu definieren und auch die Jahreszahlen dazu geschrieben.


Nun habe wir mit dem Buch begonnen und haben schon einen kleinen Einblick in die Welt des Minnesängers.
Wie gefällt es euch bis jetzt??

#2 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von ClaireFraser 22.09.2010 08:10

Ich lese den "Minnesänger" nun schon zum zweiten Mal. Es ist jetzt fast ein halbes Jahr her, seit ich das Buch zum ersten Mal las. Normalerweise ist es bei mir so, dass viele Romane es nach mehrmaligem Lesen nicht mehr schaffen, mich zu fesseln. Doch –schwups - bin ich wieder mittendrin. Mir gefällt der Perspektivenwechsel sehr gut. Ich schätze es sehr, mehrere Personen gleichzeitig durch die Geschichte zu begleiten. Mal davon abgesehen, dass so auch Spannung erzeugt wird und man als Leser unbedingt wissen will, wie es weiter geht.

#3 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von JennyB 22.09.2010 08:58

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Hallo Tim, hallo Leserunde!
Ich freu mich, dass es hier heute losgehen kann.

Aus Zeitmangel habe ich das Buch schon Anfang Sept. gelesen und zu der Zeit auch gleich meine Eindrücke festgehalten. Leider hatte ich die Einteilung zu der Zeit noch nicht vorliegen, daher kann es passieren, dass ich etwas durcheinanderwerfe. Ich werde die Punkte dann aber lieber zu spät anbringen als zu früh, um nicht zu spoilen.
Erinnern kann ich mich noch gut an alles, das Buch ist durchaus "haften geblieben".

Et voila:
Was zunächst einmal auffällt sind die extrem kurzen Kapitel. Allerdings finde ich das für den Anfang äußerst gelungen, denn dadurch liest es sich weg wie nichts, auch wenn man noch nicht recht drin ist, in der Geschichte.
Der Schreibstil gefällt mir sehr gut. Schnörkellos, flüssig, auf einfache Weise ein wenig altmodisch gehalten, sodass es zu einem historischen Roman passt, man aber gleichzeitig keine Probleme mit anachronistischen Begrifflichkeiten hat. Prima also auch für Einsteiger oder Leser wie mich, die nur selten mal einen historischen Roman lesen.
Das einzige, was mir persönlich am Stil nicht ganz so gut gefällt, sind die anfangs häufig vorkommenden ausformulierten Gedanken in kursiv. Sowas irritiert mich immer, weil man ja normalerweise eher selten so ausformuliert denkt (ich zumindest tu das nie). Aber das lässt im weiteren Verlauf auch stark nach.

Ein Blick ans Buchende offenbart ein Glossar für die wenigen Begriffe, die dem Leser nicht klar sein könnten, sowie eine Quellenangabe. Was mir fehlt ist ein Nachwort, in dem der Autor angibt, was aus dem Roman auf Tatsachen basiert und was fiktiv ist. Im kleinen Umfang gibt es so etwas auf Tims HP. Allerdings hat mich irritiert, wie wenig über Hartmanns Leben überliefert scheint. Das kurze Vorwort im Roman ließ mich irgendwie annehmen, dass viel mehr überliefert wäre. Größtenteils scheint der Roman also recht fiktiv, bzw. auf Vermutungen basierend, ist das richtig? (Stört mich keineswegs - lieber spannende Fiktion als langweilige Realität -, interessiert mich nur.)

Es geht also zunächst um die Geschichte von Hartmanns Eltern, insb. die seines Vaters. Hartmann wird hier erwähnt, da er geboren wird und aufwächst. Da wir ja schon wissen, dass es Hartmanns Geschichte wird, haben mich seine Eltern nun nicht soo interessiert, aber da alles kurz gehalten wurde, war mir auch nicht langweilig. Dankwart ist eine sympathische Figur, man merkt, wie sehr er seine Agnes liebt (was zu der Zeit ja sicher keine Selbstverständlichkeit war). Gleichzeitig ist er aber auch störrisch genug, um neben seiner frisch niedergekommenen Frau dessen Freundin zu beschimpfen. Die Kante macht ihn realer.
Man sieht in jedem Fall schon mal, wie es vor sich ging im 12. Jahrhundert. Wie historisch korrekt Tim dabei vorgeht kann ich kaum beurteilen, aber ich kaufe ihm das bisher alles ab, und das ist in einem Unterhaltungsroman die Hauptsache.

Die Hauptfiguren Hartmann und Judith machen mir ein wenig Sorgen, sie wirken mir bisher ein wenig flach und „zu gut“. Mal sehen. Manchmal schienen sich die Figuren auch seltsam zu verhalten: Auf S. 87 z.B. weist Judith massiv ihre Mutter zurecht; ist das realistisch für ein Mädchen ihres Alters in der Zeit? Sie redet auch oftmals klüger als der Rest der Welt zusammen, das scheint mir nicht recht zu einem tendenziell eher ungebildeten Bauernmädchen zu passen.
Mal sehen wie es weitergeht.

#4 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von Tim Pieper 22.09.2010 13:22

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Zuerst einmal ein herzliches Willkommen von Daniela und mir an alle, die sich hier beteiligen oder auch nur mitlesen. Ich werde jeden Tag vorbeischauen und nach Möglichkeit alle eure Beiträge kommentieren. Ich freu mich auf eure Leseeindrücke und einen regen Austausch.

Hallo Claire, schön, dass du dabei bist und den "Minnesänger" sogar ein zweites Mal lesen möchtest. Ich hoffe, dass dir noch einige Details auffallen, die dir beim ersten Lesen vielleicht sogar entgangen sind, und wünsche dir ganz viel Spaß.

Hallo Jenny, ich freu mich, dass du dich ebenfalls eingefunden hast. Du legst ja gleich richtig los und ich will versuchen, auf deine Kommentare einzugehen. Allerdings kann ich viele deiner Kritikpunkte (auch in der Amazon-Rezi) nicht nachvollziehen.

Auf S. 87 weist Judith ihre Mutter nicht zurecht. Es ist vielmehr umgekehrt. Die Mutter weist die Tochter zurecht. Ich weiß leider nicht, was du meinst.

Zu den Charakteren: Bei einem historischen Roman kommt es nicht nur auf die Figuren, sondern auch auf die Historie an. Im "Minnesänger" habe ich sehr viele Infos zu Hartmanns Biographie, seiner Bildung, dem ländlichen und höfischen Rahmen, über Sitten und Gebräuche, über geistige und religiöse Inhalte und, und, und mit vielen kleinen Details so dezent integriert, dass der Lesefluss hoffentlich nicht gestört wurde. Ein weiterer Schwerpunkt sind natürlich die Protagonisten, welche die Handlung tragen sollen. Damit der Leser sich trotz der Fülle an Infos nicht verliert, darf hier nicht in zu grellen Farben gezeichnet werden. Gerade Hartmann und Judith, aber auch Dankwart und Agnes sind in ihrer charakterlichen Ausbildung gebrochen, in dem sie auch menschliche Schwächen zeigen. Allerdings erfolgt diese Brechung durchaus subtil. Im Histo-Genre kommt es wohl auf ein harmonisches Gleichgewicht zwischen Historie und Protaginisten an. Eigentlich wird dies auch von den meisten Lesern gewollt und erkannt. Soweit ich weiß, kommst Du ja aus einem anderen Genre, in dem es mittlerweile auch gerne gesehen wird, dass der Held sich "versündigt" und "schlimme" Dinge tut. Im Histo-Genre kommen solche Charakterisierungen - meines Wissens nach - eigentlich nie vor. Deshalb muss man bei einer objektiven Beurteilung schon differenzieren. Die persönlichen Vorlieben betreffen solche Überlegungen natürlich nicht, und manchmal sind die Geschmäcker einfach zu verschieden.

Zur Recherche: Wer wissen möchte, was fiktiv ist und was sich tatsächlich zugtetragen hat, kann auf meiner Homepage einen Hintergrundbericht lesen. Allerdings schlage ich vor, dass ihr ihn erst lest, wenn ihr mit dem Buch fertig seid. Ansonsten nehmt ihr euch nur die Spannung und das wäre schade.

Liebe Grüße und bis bald
Tim

#5 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von ClaireFraser 22.09.2010 14:34

Mir gefällt es sehr gut, dass die Personen nicht so "extrem" in ihren Persönlichkeiten sind. Ich tue mich sehr schwer damit, wenn Charaktere beschrieben werden, die komplett aus der Rolle (und der Gesellschaft) fallen, da ich mich mit ihnen leider überhaupt nicht identifizieren kann, was für mich aber sehr wichtig ist. Auf der anderen Seite mag ich auch keine absoluten Klischeepersönlichkeiten (Frau: Haar aus purem Gold, kornblumblaue Augen, große Brüste, u.s.w. -> wunderschön, Männermagnet). Es ist bestimmt schwer, so einen Mittelweg zu finden.

#6 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von JennyB 22.09.2010 15:33

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Hallo Tim,

Krieg ich ein Fleißbienchen?
ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel, dass ich ehrlich meine sehr subjektive Meinung sage, oder? Ich denke, für Einzelmeinungen sind die Leserunden ja da. Gerade Kritikpunkte versuche ich immer ausführlich zu erklären. Ich persönlich finde nämlich nichts weniger hilfreich als ein "das hat mir nicht so gut gefallen" ohne weitere Erklärung.


Zitat
Du legst ja gleich richtig los und ich will versuchen, auf deine Kommentare einzugehen. Allerdings kann ich viele deiner Kritikpunkte (auch in der Amazon-Rezi) nicht nachvollziehen.



Das verstehe ich, was man selbst auch so sieht, hätte man idR ja gleich anders gemacht. Mir ist klar, dass es sich, die Charakterisierung betreffend, einfach um eine reine Geschmacksfrage handelt. Die S/W-Zeichnung (richtig gut gegen richtig böse) gefällt einigen sehr gut; man sieht das ja auch an sehr erfolgreichen Filmen. Mich persönlich hindert es daran, mich mit den Figuren identifizieren zu können. (Das sagt jetzt zu viel über mich aus *lol*). Es kann dann immer noch ein guter Roman (oder Film) bei rumkommen, aber er berührt mich dann einfach nicht. Andere Leser mögen gerade dies besonders gerne. Aber das ist oft so: was für den einen Kritikpunkt ist, ist für den anderen ein Grund, das Buch zu kaufen.

Ansonsten fällt mir eine Antwort hier gerade etwas schwer, weil die Punkte aus der Amazon-Rezi ja erst im nächsten Teil zum Tragen kommen. Ich stelle das jetzt gleich schon mal im nächsten Abschnitt ein, sonst spoile ich versehentlich.

Zitat
Auf S. 87 weist Judith ihre Mutter nicht zurecht. Es ist vielmehr umgekehrt. Die Mutter weist die Tochter zurecht. Ich weiß leider nicht, was du meinst.



Sie sagt (aus dem Kopf zitiert, ich komme gerade nicht ans Buch) etwas wie: "Ich möchte nicht, dass du sowas daherredest", und antwortet nicht auf Fragen sondern stellt Gegenfragen. Das finde ich sehr respektlos, und sie ist da ja noch ganz jung. Es klingt aber, als reden da zwei Gleichberechtigte. Später sagt sie noch etwas wie "Vater ist klüger als du denkst".
Ich bin ja nun nicht gaanz unerfahren, was Romane aus dieser Epoche betrifft, aber in aller Regel wird den Eltern eher demütiger Respekt entgegen gebracht.


Zitat
Zu den Charakteren: Bei einem historischen Roman kommt es nicht nur auf die Figuren, sondern auch auf die Historie an. Im "Minnesänger" habe ich sehr viele Infos zu Hartmanns Biographie, seiner Bildung, dem ländlichen und höfischen Rahmen, über Sitten und Gebräuche, über geistige und religiöse Inhalte und, und, und mit vielen kleinen Details so dezent integriert, dass der Lesefluss hoffentlich nicht gestört wurde.



Das ist dir auch sehr gut gelungen , das schrieb ich ja auch bereits in der Rezi. Zu den Figuren .. lass uns im nächsten Teil mal drüber reden, da bieten sich einige Szenen gut zu an.
Übrigens fand ich Dankwart, Agnes und vor allem den Pfaffen Lampert ziemlich gut, die hatten auch ihre Schwächen und Fehler neben den Stärken; bzw. (der Pfaffe) auch irgendwie sympathische Züge neben dem Unsympathischen. Mehr Vielschichtigkeit, weniger Perfektionismus.

Zitat
Soweit ich weiß, kommst Du ja aus einem anderen Genre, in dem es mittlerweile auch gerne gesehen wird, dass der Held sich "versündigt" und "schlimme" Dinge tut. Im Histo-Genre kommen solche Charakterisierungen - meines Wissens nach - eigentlich nie vor.



Ich schreibe mehrere Genre, und lese eigentlich alles queer Beet, das tut da eigentlich nichts zur Sache. Ich muss es auch keineswegs haben, dass der Held auch mal schlimmes tut oder Schatten auf der Seele hat, das darfst du nicht denken
(Gerade denke ich mir wieder, dass die meisten Autoren aus gutem Grund einen "Lesernick" und einen "Autorennick" haben, um eben nicht verglichen zu werden, aber damit kann ich nicht dienen, ich würde mich damit komisch fühlen.)
Du hast schon recht, in historischen Romanen wird *oft* gezeichnet, wie du es tust (aber im Fantasy-LiRo ist es ehrlich gesagt fast noch schlimmer ). Aber längst nicht ausschließlich. Ich habe das Genre ja länger komplett gemieden, weil mir dabei einfach etwas fehlt - weil für mich die Figuren immer das Wichtigste sind -, aber in letzter Zeit habe ich viele historische Romane gefunden, in denen sehr vielschichtig und abseits von Schwarz/Weiß gehalten wurden, gerade von deutschen Autoren. Ich muss sagen, dass meine Vorurteile bzgl- Unterhaltungs-Historie da doch sehr ins Wackeln geraten sind. Letztlich muss man's halt probieren und es ist ja auch nicht so, dass trotz ein oder zwei Kritikpunkten das Buch nicht dennoch viel Spaß machen kann.


Zitat
Mir gefällt es sehr gut, dass die Personen nicht so "extrem" in ihren Persönlichkeiten sind. Ich tue mich sehr schwer damit, wenn Charaktere beschrieben werden, die komplett aus der Rolle (und der Gesellschaft) fallen, da ich mich mit ihnen leider überhaupt nicht identifizieren kann, was für mich aber sehr wichtig ist.



Ja, du hast recht, aber genau das empfand ich teilweise eben so ... so extrem gut gegen extrem böse.

#7 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von Tim Pieper 22.09.2010 18:50

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Hallo Jenny,

was du so vehement als S/W-Zeichnung der Protagonisten bezeichnest, wird von Online-Redakteuren als Stärke des Romans gesehen (z. B. HIstocouch.de: "Die Figuren sind klar gezeichnet, auch die Standesunterschiede und die Beweggründe der einzelnen Personen sind klar herausgearbeitet...", oder Wunderweib.de: "Die Charaktere sind gut durchdacht, vielschichtig und sehr bildhaft beschrieben."). Deshalb bin ich einfach verwundert.

Zitat: "Die S/W-Zeichnung (richtig gut gegen richtig böse) gefällt einigen sehr gut; man sieht das ja auch an sehr erfolgreichen Filmen. Mich persönlich hindert es daran, mich mit den Figuren identifizieren zu können."

Ich bin der Meinung, dass Tiefe bei einem Charakter nicht nur durch eine negative Einfärbung, wie es dir offenbar gefällt, erreicht werden kann, sondern auch durch eine Entwicklung zum Positiven hin. Die Stelle auf S. 87 ist hierbei ein gutes Beispiel, die sehr wohl von mir durchdacht wurde. Judith benimmt sich dabei keineswegs respektlos, vielmehr wird sie von der Mutter unterbrochen und abqualifiziert, in dem Mechthild z. B. sagt: "So kann nur ein unerfahrenes Ding daherreden." Judith hingegen macht einen durchaus verunsicherten Eindruck, in dem sie z. B. sagt: "Ach, ich weiß auch nicht!" Tatsächlich stellt sie eine Gegenfrage. Was dabei zwischen Mutter und Tochter respektlos sein soll, kann ich nicht nachvollziehen. Vielmehr wird wird vorsichtig angedeutet, dass sie einen eigenen Kopf hat, also nicht nur "gut" und folgsam ist, wie du es in deinem ersten Beitrag seltsamerweise kritisiert hast. Letztlich obsiegt die Mutter natürlich im Dialog, in dem sie das letzte Wort hat. Noch ist Mechthild die Stärkere und die Machtverhältnisse sind geklärt. Ohne zuviel verraten zu wollen, kann der Dialog diesbezüglich durchaus als Vorausdeutung gelesen werden. Und Judith sammelt erste Erfahrungen, aus denen sie in einigen Jahren Lehren ziehen wird, und ihr Verhalten ändert. Insofern bietet ihre charakterliche Entwicklung und ihr Verhalten hoffentlich einiges Identifikationspotential, das dem geneigten Leser etwas Hoffnung und eine Perspektive bietet.

Liebe Grüße
Tim

#8 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von Tim Pieper 22.09.2010 19:07

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Hallo Claire,

wir sind scheinbar auf einer Wellenlänge. Ich finde es ebenfalls schwierig, einen Helden zu mögen, der irgendwie so sympathisch ist, dass er die Geschichte tragen kann, und gleichzeitig den Lesern ständig mit seinen Abgründen konfrontiert und sich unmoralisch verhält. Obwohl ein solcher Charakter realistisch sein kann, bleibt am Ende ein diffuser, grauer Brei zurück, weil man nicht weiß, ob man ihn nun mögen soll oder nicht. Klare Gefühle sind mir lieber. Und ein Roman, der mich mit etwas Hoffnung entlässt, ist mir am liebsten.

Liebe Grüße
Tim

#9 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von JennyB 22.09.2010 19:58

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Hallo Tim,

nur ganz kurz. Ich würde gerne ausführlicher drauf eingehen, hab aber gerade ein Problem und werde gebraucht (Katze ist krank )
Dass deine Figuren gute Kritiken bekommen haben, glaube ich dir gerne. Aber das heißt ja nicht, dass das jeder so sehen muss, oder? Im wahren Leben ist es doch auch so, dass Person A "Willi" total nett und charmant findet, während Person B denselben Willi für dumm und unsympathisch findet.

Zitat
Ich bin der Meinung, dass Tiefe bei einem Charakter nicht nur durch eine negative Einfärbung, wie es dir offenbar gefällt, erreicht werden kann, sondern auch durch eine Entwicklung zum Positiven hin.



Ich weiß nicht, warum du dich so auf die "negative Einfärbung" versteifst. Das suche/ brauche ich überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Aber wenn "rein gut" mit unfehlbar zusammenkommt, verliere ich persönlich einfach den Glauben an die Figur. Mal Fehler zu machen ist doch nicht sofort "negativ eingefärbt". Das fehlt mir bei deinen Hauptfiguren einfach ein wenig, die sind immer sofort auf dem richtigen Pfad, können alles gleich und idR auch besser als alle anderen. Auch in der Szene auf S. 87 ist das so. Zwar setzt sich die Mutter durch, aber der Leser bekommt schon vermittelt, dass das Kind eigentlich recht hat und die Mutter nur die vermeintliche Oberhand behält, weil sie dem Kind den Mund verbietet.

Ich würde im nächsten Abschnitt gerne aufzeigen was genau ich ich damit meine, aber ich habe irgendwie gerade das Gefühl, dass du mit meinen Kritikpunkten nicht so glücklich bist. Ich weiß jetzt nicht so recht, ob ich nicht einfach aussteigen soll. Bitte nicht als patziges "Mag nicht mehr" auffassen; aber ich schiebe gerade die Paranoia, hier in der Leserunde die Stimmung zu versauern, und das liegt gar nicht in meinem Interesse.
Andererseits schätzt man im Internet Gespräche gerne schon mal falsch ein.
Ich weiß grad echt nicht ... magst du meine Gedanken noch hören, oder sollen wir es einfach dabei belassen, dass mir der Roman ansonsten wirklich gut gefallen hat, auch wenn mich die Figuren nicht erreichen konnten?

#10 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von Tim Pieper 22.09.2010 22:23

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Hallo Jenny,

zunächst möchte ich dir sagen, dass ich es schön finde, dass du dich mit soviel Einsatz an der Leserunde beteiligst. Ich stimme mit dir voll überein, wenn du sagst, dass die Vorlieben der Leser hinsichtlich der Charakterisierungen unterschiedlich sind. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten und meistens gelingt es mir auch ganz gut, diesen Grundsatz zu akzeptieren ;-). Ich habe lange an dem Roman gefeilt und bin von seinen Qualitäten überzeugt. Deshalb verteidige ich ihn leidenschaftlich.

Zitat: "Ich würde im nächsten Abschnitt gerne aufzeigen was genau ich ich damit meine, aber ich habe irgendwie gerade das Gefühl, dass du mit meinen Kritikpunkten nicht so glücklich bist. Ich weiß jetzt nicht so recht, ob ich nicht einfach aussteigen soll. "

Ich würde es sehr schade finden, wenn du jetzt aussteigen würdest. Ich finde, dass du deinen Standpunkt klar vertrittst und viele interessante Gedanken äußerst. Größtenteils sind wir ja einer Meinung, nur hinsichtlich der Figurenzeichnung haben wir unterschiedliche Vorlieben. Selbst wenn wir nicht einer Meinung sind, können wir uns austauschen. Und ich kann versuchen, auf deine Anmerkungen sachlich und fachlich einzugehen.

Ich hoffe, dass Du dabei bleibst.

Liebe Grüße
Tim

#11 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von Aphrodite 23.09.2010 10:49

Hallo zusammen,

na, da geht´s ja schon ordentlich zur Sache!

Nun mal meine Ansicht zu diesem Abschnitt:
(tu mir etwas schwer dies genau im Abschnitt zusehen, da ich das Buch ja schon vor ein paar Wochen las...)
Weil ihr so "heiß" über diese Seite 87 diskutiert, musste ich mir dies nochmals nachlesen. Also ich finde Judiths Aussage "Red nicht so daher.." (oder so ähnlich) vielleicht auch etwas unangebracht was den Respekt betrifft, aber keinesfalls nicht passend. Für mich tätigte Judith diese Aussage aus Angst und vielleicht auch als Trotz. Die Aussage der Mutter, dass sie hofft, dass dies nicht "Teufelswerk" ist, versetzte ihr einen Schock, der m.E. absolut glaubwürdig ist. Man hatte damals noch ein sehr großes Gut/Böse-Denken, gerade was die Kirche betrifft. Zum einen hat Judith Angst, dass da bei ihr wirklich etwas nicht mit rechten Dingen zugeht und zum anderen, wenn dem so wäre, dass sie dies dann jemand erfährt und sie deshalb angeprangert werden könnte. Und dann ist sie noch in einem Alter, in dem man sich natürlich von den Eltern, hier der Mutter, nichts mehr sagen lassen möchte und schon gar nicht so schlimme Verdächtigungen. Aus diesem Grund reagiert sie (für mich) patzig-heftig.

Was generell die Figuren angeht, so hab ich mir natürlich mein Bild gemacht, möchte aber den Kritikpunkt den ich habe noch nicht mitteilen, da dies erst viel später passt und zum Tragen kommt.
Allerdings waren für mich die Figuren allesamt (bis auf eine) glaubwürdig und vielschichtig gezeichnet. Auch Hartmanns Denken und Handeln ist für mich nachvollziehbar.

Ich kann s/w gezeichnete Figuren nicht ausstehen und für mich ist dies stets ein großer Kritikpunkt in einem (histo) Roman. Mir vielen ein paar andere Dinge auf - aber zu denen später.

Was generell das Genre des histo. Romans angeht, so möchte ich da schon eine Stange dafür brechen. Es gibt katastrophal klischeehafte Histos mit haarsträubenden "historischen Geschehen" ebenso wie welche von sehr hohem Sprachniveau, ausgefeilten Figuren und hervorragender Recherche.
Liebesromane mag ich eigentlich überhaupt nicht und dennoch gibt es auch mich den einen oder anderen LiRo, der ohne überflüssige und peinliche Sexszenen auskommt und wunderbar empathisch und subtil geschrieben ist. Zu Fantasy kann ich nichts sagen, da ich mit dem Genre generell nichts anfangen kann.



Jenny,

eine LR ist dazu da Kritik und Lob auszutauschen. Natürlich muss der Autor zu seinem Werk stehen (wäre ja traurig, wenn nicht ) und wird auch versuchen seine Anschauung zu erklären. ich versteh sehr gut was du mit deinen Kritikpunkten meinst!!! Finde es auch sehr interessant, verschiedene Sichtweisen zu erfahren. Schade wäre es aber wirklich, wenn du dich jetzt zurückziehen würdest. Du hast allemal das Recht auf deine Meinung wie jeder andere auch. Aber man darf seine subjektiven Ansichten auch verteidigen bzw. versuchen zu erklären.
Mich würde es sehr freuen, deine Meinung weiter zu erfahren!

#12 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von Tim Pieper 23.09.2010 15:48

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Hallo Daniela,

ich freu mich sehr darüber, dass es in unserer Leserunde weitergeht.

Judiths Aussage auf S. 87 lautet genau: "Ich möchte nicht, dass du so daherredest." Diese Erwiderung erklärt sich u. a. aus den vier zuvorgehenden Sätzen, in denen Judith an ihren eigene Fähigkeiten zweifelt und sich keineswegs sicher ist, ob bei ihr alles mit rechten Dingen zugeht. Ihre Reaktion wird somit zum Ausdruck ihrer eigenen Angst, so dass sie - meiner Meinung nach - weitaus mehr über ihr Innenleben aussagt als über das Verhältnis zu ihrer Mutter. Auch was die Tragweite des Begriffs "Teufelswerk" angeht, stimme ich mit dir überein.

Wir haben jetzt schon eine ganze Menge über die Figuren gesprochen, so dass ich gerne nochmal auf einige historische Aspekte aufmerksam machen würde. Dankwart ist ein Ministeriale des Herzogs von Zähringen. Wir könnten z. B. kurz über die Besonderheiten dieses neuen "Standes" im Allgemeinen und die Auswirkungen auf die Protagonisten des Romans im Speziellen reden. Besteht zu einem derartigen historischen Exkurs Interesse?

Liebe Grüße
Tim

#13 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von Aphrodite 23.09.2010 16:31

Hallo Tim,

also für mich wäre so ein Exkurs sehr wohl interessant. Noch dazu - und das ist für mich schon ein Manko im Buch - fehlt im Buch ja ein ausführliches Nachwort, um Näheres über die damalige Zeit und auch die Figur Hartmans zu erfahren. Ich gehöre auch zu denen, die ein Nachwort stets vorweg lesen, um mehr von den historischen Begebenheiten zur Zeit in dem das Buch spielt, zu erfahren.
Und wenn jemanden dieses Genre selten liest oder historisch nicht so wirklich bewandert ist, könnten solche Zusatzinformationen u.U. eine ganz andere Perspektive ermöglichen.


@all
Wie siehts bei euch anderen aus? Jenny, Kendra, Martina, Shadow und Claire, habt ihr Interesse?
Diesen Exurs könnten wir ja in die "Plauderecke" verlegen, oder?

#14 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von JennyB 23.09.2010 17:59

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Zitat
Ich habe lange an dem Roman gefeilt und bin von seinen Qualitäten überzeugt. Deshalb verteidige ich ihn leidenschaftlich.

Ich würde es sehr schade finden, wenn du jetzt aussteigen würdest. Ich finde, dass du deinen Standpunkt klar vertrittst und viele interessante Gedanken äußerst. Größtenteils sind wir ja einer Meinung, nur hinsichtlich der Figurenzeichnung haben wir unterschiedliche Vorlieben. Selbst wenn wir nicht einer Meinung sind, können wir uns austauschen. Und ich kann versuchen, auf deine Anmerkungen sachlich und fachlich einzugehen.



Dann bin ich beruhigt.
Ich weiß ja selbst wie das ist, wenn jemand ... sagen wir: die Dinge anders sieht, bei denen man sich doch selbst so viel gedacht hat und von denen man überzeugt ist.
Bei mir war es der Stil. Dutzende Leute sagten, mein Stil wäre gut und flüssig und alles - und in der ersten Print-Rezi kam die Redakteurin, die das anders sah. *Flush*
Daher bin ich auch immer ausführlich in Leseunden, weil es kaum etwas Blöderes gibt als knappe Kritik, aus der man nichts herausziehen kann, weil sie alles oder nichts heißen könnte.

Zitat
Wir haben jetzt schon eine ganze Menge über die Figuren gesprochen, so dass ich gerne nochmal auf einige historische Aspekte aufmerksam machen würde. Dankwart ist ein Ministeriale des Herzogs von Zähringen. Wir könnten z. B. kurz über die Besonderheiten dieses neuen "Standes" im Allgemeinen und die Auswirkungen auf die Protagonisten des Romans im Speziellen reden. Besteht zu einem derartigen historischen Exkurs Interesse?



Ich fand nicht, dass der Roman da Fragen offen ließ. D.h. mir würde aus dem Stehgreif nichts einfallen, was ich darüber gerne zusätzlich wüsste. Aber wenn du darüber etwas erzählen möchtest, werde ich gebannt lauschen.
Was interessant wäre: Von Hartmann selbst ist eher unbekannt, woher er stammt, oder? Wie kamst du auf die Idee, seinen Vater zu einem Ministerialen zu machen?

#15 RE: I___erster Teil__ Seite 11 - 100__Jahr 1160 Kap 1 - Jahr 1173 Kap 10 von Tim Pieper 23.09.2010 19:10

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Hallo Daniela,

ja, ich bin auch ein Freund von Nachworten, um die Geschichte in einen historischen Zusammenhang zu setzen. Beim "Minnesänger" wollte der Verlag auf ein Nachwort verzichten, um den Leser die Illusion nicht zu rauben. Deshalb habe ich auf meiner Homepage einen Artikel veröffentlicht, der beschreibt, wie ich mich Hartmann angenähert habe, um ein möglichst realistisches und historisch stimmiges Gesamtbild zu schaffen. Für alle anderen empfehle ich, diesen Hintergrundbericht erst nach der Lektüre zu lesen, aber du bist mit dem Buch ja schon durch. Deshalb wünsche ich dir bei der Lektüre viel Spaß. Du findest den Artikel unter:

http://www.timpieper.net/der-minnes%C3%A...ergrundbericht/

Zu dem hist. Exkurs mache ich mir ein paar Gedanken und melde mich morgen in der Plauderecke.

Hallo Jenny,

es freut mich, dass du weiter dabei bist. Im Prolog des Roman "Der arme Heinrich" sagt Hartmann über sich selbst, dass er ein Lehnsmann aus Aue ist. Ein Lehen ist erblich, deshalb liegt die Schlussfolgerung nahe, dass sein Vater vor ihm der Lehnsherr über Aue war.

Liebe Grüße
Tim

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