#1 Vakuum (Antje Wagner) von his-her-books 29.09.2012 18:59

Zitat:
"Es gab verschiedene Formen von Stille.
Es gab die zittrige Stille nach einer peinlichen Bemerkung, kurz bevor man losprustete. Es gab die von raschelnden Schatten umgebene Stille, wenn man nachts aufwachte. Es gab die brodelnde Stille nach einem Streit.
Und es gab eine Stille, die unversöhnlich war. Die sich wie eine flüssige Lawine über alles ergoss. Diese Stille hier war so."
(S. 110)

Inhalt:
Viktoria Ronnfeld befindet sich seit einem halben Jahr eine Strafvollzugsanstalt. Tagaus, tagein immer dasselbe. Bis sie eines Tages einen Brief ohne Absender erhält, in dessen Anrede "Kora" steht. Ihr Wunschname, von dem keiner außer ihr weiß. Der Name, mit dem sie von sich selbst spricht. Der Umschlag ist mit einem Code versehen. Als sie ihn knackt, erkennt sie die Warnung...

Hannes Kühlberg wird von dem Gedanken an diesen einen Abend vor drei Monaten verfolgt. Seitdem geht er jeden Tag um 20.30 Uhr zum Golfplatz, um sich zu vergewissern, dass die Schilder noch in Ordnung sind. Seine Nächte verbringt er schlaflos und so ruht er tagsüber meist aus. Als er am Samstag um 15.07 Uhr aufwacht, bemerkt er sofort die Stille...

Tamara wartet auf einen Brief von der Adoptionsstelle, um aufgrund ihrer außergewöhnlichen Umstände schon vor ihrem 16. Geburtstag Näheres über ihre leiblichen Eltern in Erfahrung zu bringen. Der Brief enthält nicht den Namen der Eltern, jedoch einen Namen, der ihr vielleicht weiterhelfen kann: Kora Ronnfeld. Sie setzt sich kurzerhand in den Zug und macht sich auf die lange Reise. Nachdem sie kurz eingenickt ist, ist es 15.07 Uhr und der Zug steht. Alle Leute sind verschwunden und die Geräuschlosigkeit ist erdrückend...

Alissa will gemeinsam mit Freunden und notgedrungen auch ihrem kleinen Bruder Leon ein Wochenende in einem abgeriegelten Naturschutzgebiet mit Campen verbringen. Doch am Nachmittag scheint die Katastrophe perfekt: Göran und Samira sind verschwunden, unter den Notrufnummern nimmt keiner ab. Es muss etwas passiert sein. Ein Anschlag? Denn die Uhren der beiden sind um 15.07 Uhr stehengeblieben und die Stille ist allgegenwärtig. Selbst die Tiere sind verstummt.

Alissa und Leon machen sich auf den Weg in die Stadt. Alles ist verlassen. Nur eine Person ist unterwegs: Ein Mädchen namens Tamara...

Meinung:
Ich war sehr neugierig auf das Buch und hatte eine End-of-Day-Geschichte erwartet. Und obwohl diese sich bis zur Auflösung auch wie eine solche "anfühlte", hat mich Frau Wagners Idee mehr als überrascht.

Das Besondere an "Vakuum" ist definitiv der spannungserzeugende Erzählstil der Autorin. Die Wahl der unterschiedlichen Perspektiven tragen einen großen Anteil daran. Denn jeder Protagonist "beginnt" am Freitag, den 16. August und erlebt die Zeit bis zum Verschwinden der anderen und hat daher einen eigenen Spannungsbogen.
Nur Kora hat eine Sonderstellung: Das Buch beginnt mit ihrem ersten Kapitel bereits am Donnerstag und endet noch vor dem "Geschehen".

In Form von Rückblenden, Erinnerungen und Gedanken erfährt der Leser Stück für Stück etwas von den Hauptprotagonisten. Sie alle tragen ein Geheimnis, dessen Auflösung ich entgegenfieberte.

Kora sitzt im Gefängnis, hat Angst in der Dunkelheit und bleibt stets für sich. Sie verschließt sich den anderen. Warum wurde sie inhaftiert?

Hannes war bis zu dem Vorfall vor drei Monaten ein unternehmungslustiger junger Mann, der gemeinsam mit Emma viel Spaß hatte. Doch seit diesem einen Abend meidet er Emma. Was ist passiert? Warum kontrolliert Hannes jeden Abend Schilder auf dem Golfplatz?

Tamara ist adoptiert, fühlt sich zwar wohl bei ihren "Eltern", wird aber überbehütet. Mit ihrer früheren Freundin Fiona ist sie zerstritten. Der Brief der Adoptionsstelle bedeutet Hoffnung für sie... Was ist damals passiert?

Alissa ist genervt von Leon. Egal was er tut, er kann ihr nichts recht machen. Alissa denkt ständig an Nina, die sie sogar in Gestalt eines angreifenden Schwanes zu verfolgen scheint.
Leon hingegen bewundert Alissas Art. Er denkt nicht mit Schrecken an Nina. Er vermisst sie.
Wer ist Nina und was ist damals geschehen?

Im Nebel müssen sich alle ihren Ängsten stellen...

Ihr seht die vielen, vielen Fragen, die nach Antworten schreien und könnt euch so vielleicht vorstellen, warum ich immerzu weiterlesen musste.

Der gewählte personale Erzählstil aus den wechselnden Perspektiven schafft genug Bindung zu allen Charakteren und lässt Zug um Zug die Verbindung erkennen.
Frau Wagners Schreibstil ist flüssig und teilweise sehr bildhaft. Die Stille in "Vakuum" ist so allgegenwärtig und erdrückend, dass ich mich beim Lesen über jedes Nebengeräusch freute.
Die geschriebene Aussprache mancher Wörter (Fra-hankfurt, Morning has brooooken) hat meinen Lesefluss etwas gestört, ist aber vermutlich eine Sache der Vorlieben.
An einigen Stellen "überdehnte" die Autorin den Spannungsbogen und ich hätte den Protagonisten den nächsten Schritt am liebsten zugerufen.

Dem Buch liegt eine interessante Idee zugrunde, die erst in Form der überraschenden "Auflösung" erklärt wird. Meine Erwartungen an das Ende lagen irgendwie höher und es ließ mich auf unbefriedigte Art zurück.

Urteil:
Bei "Vakuum" ist definitiv der Weg das Ziel. Soviel Spannung und Erwartung verspüre ich selten beim Lesen und vergebe daher sehr gute 4 Bücher.
Wem die Grundidee (und daher das Ende) mehr zusagt, erlebt hier ein spannungsgeladenes Abenteuer der Extraklasse.
Meine Empfehlung geht aber an alle, die den Nervenkitzel und Pageturner-Effekt lieben und vor einer anderen Geschichte als vielleicht erwartet nicht zurückschrecken.

#2 RE: Vakuum (Antje Wagner) von Morgaine 03.10.2012 21:14

Rezension:



Stell Dir vor... Das Leben das Du bis eben gelebt und gekannt hast, wird jäh unterbrochen und kommt zum Stillstand. Du bist gefangen in einer beliebigen Minute eines heißen Tages, in einer Realität in der es nur noch dich gibt und alles Leben ausgelöscht scheint! Gibt es nicht? Passiert niemals? Utopisch? Dieses Szenario klingt einfach zu grauenhaft und lässt einen unwiderruflich erschaudern, dass Gänsehaut den gesamten Körper befällt wie ein lauerndes Virus, sich der Pulsschlag beschleunigt und die hormonelle Streßabwehr ihre Boten auf den Weg schickt...

Genau in diesem Stadium des Ausnahmezustands befinden sich die fünf Jugendlichen: Kora, Tamara, Hannes, und die Geschwister Leon und Alissa. Sie kennen sich nicht, wissen nichts von einander, sind sich noch nie begegnet, denn sie leben an unterschiedlichen Orten in Deutschland und haben keine Gemeinsamkeiten bei Interessen und Lebensgeschichten. Und dennoch gibt es eine indirekte Verbindung ihrer Schicksale miteinander! Etwas, das für jeden von ihnen eine Last ist, eine Schuld birgt und ihr Leben auf einen Abgrund zulenkt, aus dem es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt.
Ohne ein Anzeichen oder eine Vorwarnung, von einem Augenblick auf den nächsten sind sie in einem einzigartigen Armageddon gefangen! Nur mal kurz einzudösen kann gravierende Folgen haben, denn es bedarf weit weniger als einen Augenaufschlag, um alles Leben auf diesem Planeten in Luft aufzulösen.

Was genau ist hier geschehen? Ist es eine Katastrophenübung  die die Straßen und Städte von jeder Art Leben befreit hat. Oder sind sie einem üblen Scherz ihrer Freunde aufgesessen? Ist es ein Vergeltungsschlag, ein Urteil verhängt über jeden Einzelnen wie das letzte Gericht? Sie wissen nicht was geschah in der kurzen Zeit ihres Wegnickens, und stehen nun einer veränderten Welt gegenüber. Was tut man in solch einer unvorstellbaren Situation? Wo holt man sich Hilfe? Ist man wirklich ganz allein und verloren?

Jedem der fünf wird eine handschriftliche Botschaft mit Hinweisen, Anweisungen, einem Puzzleteil oder einem Treffpunkt zugestellt. Sie alle sind ganz individuell zugeschnitten, doch auf den zweiten Blick eröffnet sich dem aufmerksamen Analytiker eine Gemeinsamkeit, die gar nicht rein zufällig sein kann. Jeder der fünf hat eine ganz besondere Beziehung zu diesem Hinweis und jeder von ihnen wird von einer Schuld gemartert  von einem Anspruch an sich selbst, den er im richtigen Moment nicht erfüllen konnte. Deswegen sind sind verbittert, hadern, fürchten sich, aber genauso hoffen und sehnen sie sich nach einer zweiten Chance. Nach einer Möglichkeit ungeschehene Dinge doch noch geschehen zu lassen, zig Mal gedachte Worte endlich auszusprechen und ihre unterdrückten Gefühle in die Welt zu entlassen, Menschen endlich aufrecht und mit Stolz in die Augen zu schauen und sich selber ihre Schuld zu verzeihen.

Jeder von ihnen begibt sich auf eine Reise, betritt Neuland und stellt sich seiner größten Angst! Doch nur gemeinsam werden sie besiegen können, was es zu besiegen bedarf. Einzig zusammen werden sie die Macht und Stärke aufbringen, die benötigt wird und zudem das Rätsel um die Botschaften entschlüsseln. Eine Reise bei der die sie weit über ihre psychischen und physischen Grenzen gehen müssen und die eine erstaunliche Entdeckung für sie alle bereit hält..

Mein Fazit:

Vakuum“ ist packender Lesestoff, nicht nur für die Zielgruppe der jugendlichen Leser, und zudem ein Buch, das ein interessantes Thema aufgreift und gekonnt einbindet, die paranormalen Phänomene unserer Welt.
Nach dem Lesen des Klappentextes ist schnell klar, dass es sich hier um eine düstere, nebelgeschwängerte und aktionsreiche Geschichte handeln muss, in deren Mittelpunkt 5 jugendliche Individuen stehen, die bis zum Zeitpunkt X keinerlei Bezug zueinander haben.

Auch ein dezent-minimalistisch, aber absolut handlungsstimmiges Cover trägt seinen Teil dazu bei, das Augenmerk eines potentiellen Lesers schon beim ersten Blick festzuhalten und neugierig zu machen auf das neue Buch von Antje Wagner.

Der Beginn des Romans, stellvertretend passend betitelt mit „Stille vor dem Sturm“, lässt sich ruhig, fast depressiv an und versprüht unweigerlich eine beklemmende Stimmung. Hier lernt man die fünf Protagonisten in einer spontanen Momentaufnahme, am 15. August, der Reihe nach kennen. Alle fünf verbindet ein Umstand in ihrem Leben: Sie verbergen ein schreckliches Geheimnis oder ein schmerzhaftes Erlebnis vor ihrer Umwelt und tragen ebenfalls eine tiefe Sehnsucht tief weggeschlossen in ihren Herzen. Jeder von ihnen ist auf der Suche nach einem neuen Weg, der Chance auf Vergebung. Bis auf das Geschwisterpaar befinden sie sich an vier völlig verschiedenen Orten in Deutschland und zeitgleich passiert ihnen, was eigentlich völlig surreal und laut physikalischer Gesetze unmöglich ist.

Antje Wagner gelang es sofort mit der ersten Seite eine unheimliche Atmosphäre heraufzubeschwören! Kapitelweise wechselt man die Sicht zwischen den einzelnen Protagonisten, bekommt sehr schnell ein Gefühl für ihre Lebensumstände und scheint augenblicklich mittendrin zu sein im Alltag jedes Einzelnen, polarisierenden Charakters, schlüpft sozusagen in seine (manchmal viel zu enge) Haut. Auf der anderen Seite wird man das Gefühl nicht los, dass hier auch noch ganz viel Geschichte unerzählt ist, die wichtig ist um zu verstehen, was auf den kommenden Seiten passieren wird. Das ist eine gute Balance um neugierig zu machen, den Leser immer tiefer in einen Strudel zu ziehen und Teil dieser nervenaufreibenden Reise und ihrer veränderlichen Gruppendynamik zu werden.

Die Jugendlichen reagieren und artikulieren bisweilen unüberlegt und egoistisch, so scheint es zu Beginn, aber je mehr man über die Hintergründe erfährt, desto mehr machen vorangegangene Handlungen und Aussagen plötzlich Sinn und schließen klaffende Lücken im Verständnis. Nach und nach entdeckt man die Geheimnisse, bekommt Einblicke in die Abgründe ihrer verletzten Seelen und im gleichen Atemzug setzt die Dramatik zur Höchstform an. Je länger man die Reise begleitet und erlebt, desto öfter fühlt man sich regelrecht beklommen, benebelt, der klaren Gedanken beraubt, vergisst vor nervenaufreibenden Szenen fast zu atmen. Jeder dieser Charaktere ist unverwechselbar, bringt seine eigene Identität gekonnt und dominant ein und macht die Gruppe zu einer explosiven Verbindung.

Begünstigend kommt sicher auch noch hinzu, dass meine Heimat, und die Gegend in dem das Buch seinen Handlungshöhepunkt hat, deckungsgleich sind. Daher hatte ich meine ganz eigene (Bilder)landschaft vor Augen, fühlte mich dem Ziel dieser Buchreise noch näher und eng verbunden.

Nachdem ich also bereits in der Handlung perfekt abtauchen konnte, war ich gespannt auf ein, nein auf DAS! Ende, das sicher noch in einem besonderen Showdown enden musste. Hier sollte ich mit meiner Vermutung recht behalten. Das Finale der Geschichte, nach all den durch gestandenen Strapazen, brenzlichen Situationen und dem Überlebenskampf brachte eine unglaubliche und nicht abzusehende Wendung an‘s Licht. Niemals hätte ich solch eine Auflösung erwartet und war deshalb total positiv überrascht, denn ich fand die Idee, in der Antje Wagner ihre Protagonisten ihren Weg erkennen und enden ließ einfach phänomenal und einzigartig.

Die Frage ist doch stets: Ist das was wir sehen wirklich das Gegenwärtige? Ist das wir betreten, wirklich existent? Können wir getroffene Entscheidungen revidieren und sind Ängste nicht auch Gegner, denen es sich zu stellen gilt?
Niemand weiß, ob es so nicht wirklich auch sein könnte oder bereits schon ist? Hier, jetzt, und für alle Bewohner dieser Welt....

Kurz gesagt: Dieses Jugendbuch hat mir einige spannende und ebenfalls emotional-intensive Lesestunden mit unerwarteten Wendungen und Zusammenhängen beschert! Der Leseeindruck zu Beginn war gedämpft und pragmatisch, aber verdammt schnell ändert sich das Gesicht und die Zugkraft durch die ineinandergreifenden Verwicklungen. Plötzlich nimmt die Story rasant an Fahrt auf, versteht den Leser mitzunehmen in ein ganz eigenes Universum voller elektrisierender und schockierender Momente.

Fesselnd und temporeich erzählt, angesiedelt an realen Schauplätzen, bereichert durch kernige, eigenständige Protagonisten wird in „Vakuum“ eine einzigartige und nervenaufreibende Idee umgesetzt, die mich wirklich begeistern konnte. Das Ende sticht mit einer ungeahnten, als auch psychedelischen Note heraus und rundet das Buch für mich perfekt ab.

Von mir gibt's ganz klar den Daumen nach oben und eine Empfehlung für Leser, die Nervenkitzel und eine (Sinn)vernebelnde, Grenzen überwindende Lektüre suchen.

Meine Wertung: 5 von 5 Sternen

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