#1 Bauchgefühle sind Kopfsache von Rike Reinau von santina 21.08.2012 18:49

Bauchgefühle sind Kopfsache handelt von Florentine – Flo – Kessler. Flo glaubt noch an die wahre Liebe, den Traumann, den eierlegenden Wollmilcheber, der nicht perfekt sein muss, gerne ein paar Macken haben darf. Aber er muss sie lieben. Mit all ihren Macken. Bisher war ihre Suche jedoch erfolglos. Gerade löst sie sich von Tobias, mit dem sie ausser körperlicher Nähe nur eine “halbe Beziehung” und “prophylaktische Zukunftspläne” verbindet

Flo beschliesst, sich vorerst mit keinem Mann einzulassen und lernt dann gleich zwei kennen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Philipp, Kellner in einem Cafe, an dem er Teilhaber ist und Alexander, Schauspieler am Staatstheater.

Philipp macht schnell klar, dass er nicht an Flo interessiert ist und obwohl Flo sich im Klaren darüber ist, dass ihrerseits Gefühle im Spiel sind, lässt sich auf eine Freundschaft mit ihm ein und verbringt viel Zeit mit ihm. Philipp tut ihr gut, er ist witzig, charmant, alltagstauglich und es wird nie langweilig mit ihm. Die beiden reden über Gott und die Welt… aber Liebesdinge sind ein Tabuthema.

Die erste Begegnung mit Alexander empfindet Flo als obskur. Er ist geheimnisvoll und faszinierend. Jedes Zusammentreffen ist etwas Besonderes, eine kleine Auszeit. Sie treffen sich nie “einfach so”. Und Alexander liebt Flo. Aber Flo fragt sich, ob das, was zwischen ihnen ist, ausreicht, um es als “Liebe” zu bezeichnen.

Suse fasst an einer Stelle des Buches das Dilemma von Flo zusammen:

Nun liebe Florentine, wer soll dein eierlegender Wollmilcheber sein? … Kandidat A wie Alexander, der obskure Schauspieler mit der betörenden Stimme, dem für Dich keine Pfütze zu tief ist und mit dem du dir die Welt machst, wie sie euch gefällt?

Oder Kandidat P wie Philipp, der Kellner und Kumpeltyp, für den Du Yenga-Türme baust und wieder einstürzen lässt, der dich auf eine einsame Burg entführt und gerne mit dir schweigt, aber keine Anstalten macht, Dein Herz zu erobern?

Flos Gefühle zu Philipp sind stärker, als die zu Alexander. Sie ist zwar bereit, sich auf Alexander einzulassen, aber ihr ist klar, dass jeder Schritt zu Alexander hin ein Schritt von Philipp weg ist. Und sie weiss nicht, ob sie bereit ist, diese Schritte zu gehen.

Der Klappentext:

Florentine ist darum bemüht, nach einer gescheiterten Beinahe-Beziehung dem anderen Geschlecht aus dem Weg zu gehen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Ob in ihrem Stammcafé, der Disko oder dem Zeichenkurs: Hinter jeder Tür lockt das vermeintliche Glück. Es umgarnt sie, schmeichelt ihr und flüstert verheißungsvolle Beschwörungen. Dabei spart es nicht mit tragischer Ironie und einladenden Fettnäpfchen, in deren Tiefen sie ein ums andere Mal zu versinken droht. Flo muss sich feigen Helden und nackten Tatsachen stellen. Sie besucht alte Ruinen, trifft obskure Schauspieler und ist dabei stets bemüht, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Wird es ihr am Ende gelingen, ihren realen Traummann zu finden?

Mein Fazit:

Die Geschichte ist sehr unterhaltsam und spielt mitten im Leben. Rike Rheinau hat einen tollen, leicht zu lesenden Schreibstil, der mich von der ersten Seite weg in den Bann des Buches gezogen hat. Dazu hat auch beigetragen, dass die Hauptpersonen sehr sympatisch sind.

Flo hat ihre Macken, aber sie ist sehr liebenswert. Genau wie ihre beste Freundin Suse. Ich könnte mir vorstellen, viele Frauen werden sich in einer der beiden wieder finden. Entweder Flo, Single, auf der Suche nach dem Richtigen, die sich bei Suse ausweint, oder Suse, verheiratet, mit Kind, die sich mit den Problemen einer Ehefrau und Mutter herumschlagen muss, die aber immer für ihre Freundin da ist, wenn sie gebraucht wird.

Bei den beiden männlichen Protagonisten lagen meine Sympathien stark bei Philipp. Das war auch der Grund, warum ich das Buch in einer Nacht gelesen habe. Ich musste wissen, warum Philipp nicht an einer Beziehung mit Flo interessiert ist (und hatte die leise Hoffnung, dass sie vielleicht doch noch zusammen kommen). Aber auch Alexander ist keinesfalls unsympatisch und als Leser gönnt man Flo schliesslich das grosse Glück. Hier ist etwas passiert, was ich in dieser Form schon lange nicht mehr erlebt habe, das Buch hat mich auf eine emotionale Berg- und Talfahrt mitgenommen. Ich habe wirklich mitgelitten.

Rike Reinau spielt in der Geschichte mit Worten, Zitaten und Liedtexten (z.B. “Sometimes goodbye’s the only way” aus Shadow of the day von Linkin Park), die die Besonderheit des Buches noch mehr herausstellen. Dazu gehören auch die Contradictio in adiecto, die Widersprüche in sich, die Florentine “sammelt”. Begriffe wie der “reale Traummann”.

Kleine Ergänzung dazu: Durch das Buch habe ich mich zum ersten Mal intensiver mit diesen Widersprüchen in sich beschäftigt und es ist schon faszinierend, wieiviele Contradictio in adiecto man selbst verwendet, z.B. die Sekunden, die schleichen, oder die Jahre, die an einem vorbei rasen. Für mich ist auch der Titel des Buches ein Widerspruch in sich, denn entweder entscheide ich mit dem Kopf, oder eben aus dem Bauch heraus.

Zurück zum Buch: Bauchgefühle sind Kopfsache ist mehr als ein seichter Frauenroman. Es ist die Geschichte über das Auf und Ab des Lebens. Ich konnte lachen, aber auch ein paar Tränchen verdrücken und habe mich gut unterhalten gefühlt.

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