#1 Splitterherz - Bettina Belitz von Yvonnes Lesewelt 15.05.2012 07:00

Es gibt genau einen Grund, warum Elisabeth Sturm nicht mit fliegenden Fahnen vom platten Land zurück nach Köln geht, und dieser Grund heißt Colin. Der arrogante, unnahbare, aber leider auch äußerst faszinierende Colin gibt Ellie ein Rätsel nach dem anderen auf, und obwohl sie sich mit aller Macht dagegen wehrt, kann sie sich seiner Ausstrahlung nicht entziehen.
Bald muss Ellie einsehen, dass Colin viel mehr mit ihrer Familie verbindet, als sie sich je vorstellen könnte. Ihr Vater Leo verbirgt ein Geheimnis, das ihn und Colin zu erbitterten Gegnern macht – und das Ellie in tödliche Gefahr bringt. Dass sie mit ihren seltsamen nächtlichen Träumen den Schlüssel zu dem Rätsel in der Hand hält, begreift Ellie erst, als ihre Gefühle für Colin alles zu zerstören drohen, was sie liebt.

Ein Zitat:
„Vielleicht aber auch, weil du meine Tochter bist. Mein eigen Fleisch und Blut. Jedenfalls – jedenfalls bist du für mich so interessant wie eine Scheibe Toastbrot. Rein traumhungertechnisch gesehen.“
Seite 260/261

“Hast du mich erwartet? Zum Abendessen?”, fragte ich vorsichtig und bewusst doppeldeutig weiter?
“Zum Abendessen oder als Abendessen?”, entgegnete er mit einem diabolischen Lächeln.
Seite 327/328

Meine Meinung:
Ich muss gestehen, dass ich die ersten gut 100 Seiten etwas Mühe hatte an der Geschichte dran zu bleiben. Die Geschichte wird recht langsam aufgebaut, nicht uninteressant, aber auch nicht wirklich spannend. Elisabeth (auch Elisa oder Ellie genannt) zieht von Köln aufs platte Land und fühlt sich dort einfach nur unwohl. Das Problem war, dass sie mir von Anfang an unsympathisch war und so musste ich mich etwas zwingen weiterzulesen.

Schön war, die neue Umgebung von Ellie mit ihren Augen erleben zu dürfen. Es wird sehr viel gezeigt, so dass man sich die Umgebung und die Personen gut vorstellen kann. Irgendwie ist es auch diese schöne, klare, bildhafte Sprache, die mich immer wieder mit sich weiter gezogen hat, selbst dann, wenn gar nicht viel passiert ist. Außerdem fand ich den Schreibstil oft sehr humorvoll. Nach gut 100 Seiten hatte ich mich in die Geschichte eingelesen, die Charaktere fingen an mich zu interessieren und Ellie faszinierte mich (zwar auf irgendwie abstoßende Weise, weil ich sie bis fast zum Ende hin noch immer nicht mochte, aber nichts desto trotz wollte ich wissen, was mit ihr passiert).

Da es sich um eine Trilogie handelt finde ich es recht gut, dass den Charakteren und der Umgebung so viel Raum gelassen wurde um sich einzuführen und vorgestellt zu werden. Band 2 und Band 3 bieten sicher noch genug Raum um Spannung aufkommen zu lassen.

Ellie ist ein Charakter den ich nur schwer einordnen kann. Sind die jungen Mädchen aus der Stadt so? Sie ist unsicher, dauernd müde (gut, das erklärt sich nachher noch warum das so ist) und nervt irgendwie immer nur. Anstatt sich in die Klasse zu integrieren hält sie sich fern, obwohl ihr die Mädchen und Jungen nicht sonderlich abweisend gegenüber agieren. Sie mag weder Spinnen noch Pferde und als sie mit Maike zum Pferdehof fährt, da fällt sie fast vom Fahrrad vor Anstrengung. Sportlich ist sie also auch nicht gerade… Im Laufe des Buches entwickelt sie sich weiter. Ellie wird mehr und mehr zu einer 17jährigen, die ihren eigenen Weg geht. Auf den letzten 100 Seiten war sie mir plötzlich sogar sympathisch, dennoch bleibt ein gewisser Grad an Genervtheit über ihre Art einfach bestehen. Ich bin sehr gespannt, wie sich Ellie in den beiden weiteren Bänden weiter entwickeln wird.

Colin, der rätselhafte Fremde, war mir recht schnell sympathisch. Immer wieder ist er zur Stelle um Ellie zu retten. Zwischendurch weiß man manchmal nicht, was seine Beweggründe sind. Liebt er sie? Will er ihr etwas Böses? Will er Ellies Vater etwas Böses? Aber genau das macht den Reiz für mich aus. Colin bewegt sich anfangs irgendwo zwischen anziehendem jungem Mann und bösem Schurken, der aber dennoch ungeheuer anziehend wirkt. Sagt er ihr die Wahrheit oder spielt er ihr nur etwas vor? Als er Ellie die Tränen “wegisst”, da war es vollends um mich geschehen. Einerseits ungeheuer kitschig sich diese Szene vorzustellen, aber andererseits zum dahinschmelzen. Colin ist der Charakter, der dieses Buch spannend macht, da man einfach wissen will, was mit ihm los ist.

Ellies Vater, Leo, ist mir zwischenzeitlich ein Rätsel. Er will Ellie vor Colin schützen. Er sagt ihr aber nicht, warum Colin für die Familie gefährlich sein könnte. Als Vater eines Teenagers, und dann noch als Psychiater sollte er wissen, dass man mit einem solchen Verbot die Anziehungskraft nur noch erhöht. Natürlich hält sich Ellie nicht an das Verbot und findet ihren Weg zu Colin.

Tillmann ist ein Charakter von dem wir zunächst nicht viel erfahren. Sehr süß fand ich, als er in Ellies Zimmer gestürmt kam, weil er sich Sorgen um sie gemacht hat. Er entpuppt sich zum Ende des Buches hin als große Hilfe. Ich denke mal, dass er im nächsten Band wieder eine Rolle spielen wird.

Alles in allem vergebe ich für das Buch 4 Federn. Ich habe mich an keiner Stelle gelangweilt, auch wenn in Splitterherz viele Szenen sehr ausführlich beschrieben werden. Ich kann nur jedem raten über die ersten 100 Seiten hinaus durchzuhalten. Es lohnt sich, denn das Buch zieht einen in seinen Bann! Der Schreibstil insgesamt gefällt mir sehr gut. Es hat wirklich viel Spaß gemacht das Buch zu lesen.

#2 RE: Splitterherz - Bettina Belitz von his-her-books 15.04.2013 06:19

Zitat:
„Er wusste genau, was er tat. Und doch wirkte er selbstvergessen. Er tauchte in etwas ein, was ich nicht kannte, was mir verborgen blieb. Er schottete sich ab. Er war woanders – weit, weit weg.“
(S. 218)

„Vielleicht würde ich ja aufwachen und alles wäre nur ein Traum. An diese Hoffnung klammerte ich mich.
Doch ich wusste genau: Mein bisheriges Leben war ein Traum gewesen.
Das jetzt war die Wirklichkeit.“
(S. 267)

„Ich hasse dich, Colin“, fauchte ich und wischte meine Tränen weg, damit er sie nicht stehlen konnte. „Ich hasse dich so sehr.“
(S. 431)

Inhalt:
Elisabeth, kurz Ellie, zieht mit ihren Eltern in das 400-Seelen-Nest Kaulenfeld. Die Müdigkeit, die sie stets überfällt, schiebt sie auf das Vermissen des früheren Wohnorts Köln. Für die seltsamen Träume hat sie jedoch keine Erklärung. Dennoch zieht es sie immer und immer wieder zu diesem einen Traum mit dem Säugling.

Als sie bei einem Spaziergang von einem Unwetter überrascht wird, sieht sie ihn wieder: Diesen jungen Mann auf dem riesigen schwarzen Pferd, den sie am Tag ihrer Ankunft in Kaulenfeld schon einmal bemerkt hatte – und er rettet sie unter merkwürdigen Umständen.

Als sie stets eine undefinierbare Angst überkommt, beruhigt sie eine Stimme – worauf Ellie vermutet, verrückt zu werden. Die Stimme flüstert ihr immer öfter etwas zu: Ellie solle sich erinnern…

An die ständige Missachtung, mit der sie von allen anderen Kindern bestraft wurde? Etwa an die Heulsuse, die sie früher war, weil sie Gefühle anderer auf so besondere Art selbst spüren konnte?

Ellie fasst einen Entschluss: sie will sich in Kaulenfeld einleben. Die Operation „Landleben“ beginnt – und endet immer wieder in der Nähe des mysteriösen Colin, ihrem Retter, zu dem sie sich gleichermaßen hingezogen und abgestoßen fühlt. Stück für Stück kommt sie hinter sein Geheimnis, das gleichzeitig nicht nur seines ist… und dabei verändert sich Ellie selbst.

Meinung:
Vor dieser Rezension hätte ich mich am liebsten gedrückt. Nicht weil „Splitterherz“ furchtbar schlecht war – nein, nichts dergleichen… Aber „Splitterherz“ lebt von dieser ganz besonderen Atmosphäre, die sich nur sehr schwer beschreiben lässt.

Gerade zu Beginn war diese für mich etwas seltsam, befremdlich. Die Autorin konfrontierte mich mit einer schlechtgelaunten, miesepetrigen Protagonistin, die nach dem Umzug von Köln in dieses kleine Dorf glaubt, „alles“ verloren zu haben. Ein Grund, lieber öfter mal die Augen zu schließen und zu schlafen. Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass es für die Müdigkeitsanfälle und Schlafattacken einen anderen Grund gibt. Für diese Erkenntnis benötigt es aber knapp ein Drittel des Buches. Ab diesem Moment mutiert die anfänglich etwas zäh dahinfließende Geschichte aber zu einem reißenden Strom. Denn die Offenbarungen, Geheimnisse und Ereignisse überschlagen sich und meine von Anfang vorhandene Neugier wurde gestillt.

Ellie erzählt in der Ich-Perspektive Vergangenheit, aber durch gewisse Umstände bekommen wir auch einen tieferen Einblick in das Innere von Colin.

Bis auf oder gerade wegen ihrer „Launen“ ist Elisabeth, Ellie, Elisa oder auch Lassie genannt, eine authentische Protagonistin, mit deren „Normalität“ sich wohl jeder Leser identifizieren kann. Seite für Seite entfernt sie sich aber von diesem normalen Mädchen, bekommt Ecken und Kanten… Sei es durch ihre seltsamen Träume, ihre Gedächtnislücken oder ihre Neigung, überall einzuschlafen. Immer mehr erhärtet sich der Verdacht, wer für diese besonderen Zustände verantwortlich sein könnte:

Colin, der mysteriöse und für Ellie faszinierende und gefährliche junge Mann. Im Gegensatz zu der gängigen Jugendliteratur wird Colin nicht von aller (weiblichen!) Welt angehimmelt. Nein! Er wird von manchen sogar als hässlich empfunden… Und mögen tut ihn auch keiner. Warum das so ist, erfährt Ellie gemeinsam mit dem Leser, als sie hinter sein Geheimnis kommt.

Colin, der mystische Retter, der düstere Badboy, der allein in einem Haus mitten im Wald wohnt, von Nachtfalter bekuschelt wird, eine „Sonnenallergie“ mit seltsamen Auswirkungen hat und eine sehr innige „Beziehung“ zu seinem schwarzen Monsterpferd hat. Das war mein erster Eindruck von Colin. Aber hinter ihm steckt so viel mehr. Bei ihm ist das klassische „dunkle Geheimnis“ ein schwarzes Loch. Dunkler geht es nicht. Ihn näher kennenzulernen, seine Vergangenheit und seine Pläne zu erkunden, nimmt sich Ellie zur Aufgabe. Und ich konnte gemeinsam mit ihr hinter die Fassade des jungen Mannes schauen, fand dort Bitterkeit und Traurigkeit – und wollte nur noch wissen, warum.

Erwähnenswert und ein ebenso wichtiger Part der Geschichte ist Tillmann. Er scheint Ellies einziger wahrer Freund. Ein Mensch, auf den man sich verlassen kann, der nie an Plänen zweifelt. Er ist für Ellie genauso wichtig wie Ellie für ihn.

Frau Belitz‘ Stil war im ersten Moment etwas ungewohnt. Sie arbeitet des Öfteren mit Rückblicken, was gemeinsam mit den (Tag-)Träumen anfangs etwas verwirrend war. Immer wieder blitzte die Frage auf, was jetzt real war, ob ich was verpasst habe… Bis mich die Geschichte dann wieder einholte. Ihr Schreibstil ist sehr detailliert. Sie beschreibt sehr bildhaft und gut vorstellbar. Die von ihr aufgebaute Stimmung ist düster, beinahe melancholisch. Dunkle Merkmale überwiegen, sie hat viel mit Ängsten und Phobien gearbeitet, was perfekt zu der von ihr entwickelten Geschichte passt.

Nachdem ich mir die Hintergründe von Ellies und Colins Verhalten Stück für Stück erkämpfen musste, verrate ich hier natürlich nichts über die Grundidee der Autorin. Ich verrate nur so viel: Für mich war sie neu und besonders, so ganz abseits des Urban-Fantasy-Mainstreams. Frau Belitz hat ihre Gedanken wunderbar mit „Allgemeinwissen“ verknüpft und sehr gut begründet und zieht so den Leser in ihren Bann.

Die von Anfang an provozierte Neugierde schlägt nur langsam in echte Spannung um. Diese steigert sich ebenfalls gemächlich, aber kontinuierlich bis zum Showdown. In diesem ersten Band der Trilogie werden selbstverständlich nicht alle Fragen komplett beantwortet, auch das Ende ist nur auf den ersten Blick zufriedenstellend. Umso neugieriger bin ich auf die Fortsetzungen.

Urteil:
Die Idee und die Atmosphäre von „Splitterherz“ sind besonders. Man muss in die von Frau Belitz erschaffene Welt eintauchen – mit Haut und Haar. Man muss sich Ängsten und Albträumen stellen, man muss sich auf den speziellen Stil einlassen. Wenn man dies schafft, erlebt man eine fantastische Geschichte weit abseits des Mainstreams. Spannung, Fantasie, das Spiel mit Phobien und eine etwas andere Romanze, den Kampf um die Liebe ohne sich selbst zu zerstören. All das ist „Splitterherz“.
Der etwas zähe Einstieg und das äußerst verwirrende erste Drittel störten anfangs meinen Lesespaß immens. Daher reicht es nicht ganz für die Höchstwertung. Ich honoriere Frau Belitz‘ Trilogieauftakt daher mit guten 4 Büchern.

Es ist ein Must-Read für Fans anderer Geschichten, die einer düsteren Stimmung nicht abgeneigt sind und auch ein paar Umwege in Kauf nehmen, um Antworten zu bekommen.

Die Serie:
1. Splitterherz
2. Scherbenmond
3. Dornenkuss

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