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Engelsdämmerung (AT) - Sneak Preview. (!erst nach dem Buch lesen!)
Engelsdämmerung (AT) - Sneak Preview. (!erst nach dem Buch lesen!)
in City of Angels 02: Engelsjagd (Andrea Gunschera) 28.12.2010 23:19von agu • Autorin | 213 Beiträge
Hallihallo
!
Wie versprochen gibts hier einen (noch unlektorierten) Ausblick auf Teil 3 der Serie - und aufgrund leichter Spoilergefahr wird die Lektüre erst empfohlen, wenn 'Engelsjagd' fertiggelesen ist
.
Bin gespannt, wie es euch gefällt!
Ganz liebe Grüße,
Andrea
RE: Engelsdämmerung (AT) - Sneak Preview. (!erst nach dem Buch lesen!)
in City of Angels 02: Engelsjagd (Andrea Gunschera) 28.12.2010 23:21von agu • Autorin | 213 Beiträge
ENGELSDÄMMERUNG (Arbeitstitel) / City of Angels 3
Der gefallene Engel Asael wandelt wieder auf der Erde und weckt ein uraltes Übel aus dem Schlaf: den Nazgarth, den Dunklen Jäger, der geschaffen wurde, um die Gefallenen und ihre Saat zu vertilgen. Sieben Siegel halten seine Ketten. Der Orden der Raphaeliten beauftragt den Schattenläufer Kain, einen Killer mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, die Helfer des Nazgarth zu töten, bevor diese die Siegel brechen können. Sie stellen ihm die junge Bibliothekarin Anna zur Seite, eine Expertin der Alten Schriften, um seine Opfer aufzuspüren.
Anna und Kain, beide kaum fähig, einem anderen Menschen zu vertrauen, fühlen sich zunächst voneinander abgestoßen und boykottieren einander, statt zusammenzuarbeiten. Damit drohen sie nicht nur, ihre Mission in den Abgrund zu reißen, sondern geraten auch selbst in höchste Gefahr. Doch dann geschieht das unwahrscheinlichste aller Wunder...
Ein Buch über Leidenschaft und Dunkel und über die Fähigkeit, im tiefsten Schatten ein Licht zu finden.
RE: Engelsdämmerung (AT) - Sneak Preview. (!erst nach dem Buch lesen!)
in City of Angels 02: Engelsjagd (Andrea Gunschera) 28.12.2010 23:24von agu • Autorin | 213 Beiträge
1
Der Rubin war es, der uns auf die Fährte des Nazgarth brachte [...], ein riesiges Juwel von dämonischem Feuer. In seine Unterseite ist die Narbe des Bösen geschnitten.
Unter den Mauern von Uruk liegt eine schreckliche Geißel. Sieben Siegel verschließen die Gruft. Doch der Dunkle Jäger ist nicht tot, er ist nur in tiefen Schlaf gefallen. Und wir, die wir geschworen haben, ihn zu bewachen, wir haben sein Geheimnis vergessen.
Aus dem Tagebuch des Vedric Cerencia, Großmeister der Raphaeliten.
Erlauchteste Republik Venedig, im Jahr des Herrn 1476
Sie hörte sich selbst atmen, während sie durch die Dunkelheit kroch, ein widerwärtiges Fiepen und Röcheln, das sie noch mehr hasste als ihr Spiegelbild in den Pfützen. Fels splitterte unter ihren Klauen wie Sand. Zum tausendsten Mal fragte sie sich, ob sie ihrer grausigen Existenz nicht ein Ende setzen konnte, indem sie sich mit den schwarz glänzenden Sicheln die Kehle aufschlitzte.
Wahrscheinlich nicht.
Wahrscheinlich würde sie einmal mehr erwachen, mit furchtbaren Schmerzen, weil ihre Knochen sich schief und verdreht zusammenfügten und Dornen aus den Bruchstellen wuchsen. So wie die letzten Male, als ihr Leib auf dem Asphalt zerschmettert worden war, als der Güterzug sie verstümmelte, als Engelsfeuer sie verbrannte.
Sie sog die Luft ein und spie sie wieder aus, ein Rasseln wie Käferschalen.
Hass trieb sie vorwärts und Hunger und ein wachsendes Drängen. Sie nannte es die Stimme. Obwohl es keine Stimme war, sondern nur ein Gefühl. Ein Instinkt, der sich in ihrem Geist einnistete wie ein Parasit und jeden Tag stärker wurde. Die Stimme hatte sie zum Abgrund geführt und zu der verborgenen Treppe. Und sie zog an ihr und flüsterte und schmeichelte wie süßes Gift.
Sie kroch weiter, Erde fiel auf ihre Schultern herab, Fels bröckelte, wo ihre Krallen Furchen zogen. Ein Haufen Geröll versperrte ihr den Weg. Grabe, flüsterte die Stimme. Grabe.
Staub flog ihr entgegen, als sie ihre Klauen hineinschlug, Steinchen spritzten, der Wall geriet ins Rutschen. Sie knurrte vor Befriedigung und schob und zerrte, bis das Hindernis sich in einer Lawine auflöste.
Verblüfft hielt sie inne.
Vor ihr tat sich eine gewaltige Höhle auf. Trotz ihrer überscharfen Sinne konnte sie den Boden nicht ausmachen. Doch die Stimme zog sie nach unten.
Hinunter, hinunter. Auf allen Vieren krallte sie sich am Rand fest und spähte nach einem Abstieg. Hinunter. Die Luft roch kalt und abgestanden. Nicht nach den Chemikalien der Kanalisation, sondern nach Moos und Alter. Diese Höhlen hier lagen viel tiefer. Sie beugte sich noch weiter vor und kniff die Augen zusammen, die im Dunkeln besser funktionierten als im Licht. Weil sie nun eine Kreatur der Finsternis war, dachte sie erbittert. Hass brannte in ihren Adern. Hass auf sich selbst, auf die Existenz, zu der sie verdammt war, auf die, die ihr das angetan hatten. Hass auf die, die sie hassten.
Sie hieb ihre Klauen in den unebenen Fels und begann zu klettern, kopfüber wie eine gigantische Spinne.
Hinunter, hinunter.
Die Stimme überschlug sich vor Freude.
Hinunter.
Das Drängen erfüllte sie ganz und gar, es summte in ihren Gliedern. Als sie entdeckt hatte, dass sie senkrechte Wände erklimmen konnte, hatte sie das erschreckt. Dann fasziniert. Jetzt fütterte es nur ihren Abscheu vor sich selbst.
Es schien Stunden zu dauern, bis sie den Grund erreichte. Die Höhle reichte so tief, dass man eine Kathedrale darin hätte errichten können.
Dicht an der Wand entdeckte sie zwei Leichen. Die Körper waren alt und mumifiziert von der trockenen Kühle und hatten jeden Geruch verloren. Skelettfinger umklammerten einen rostigen Trommelrevolver. Ein Stück entfernt lag eine Ledertasche auf dem Boden.
Das Drängen in ihrer Brust flammte auf zu reiner Euphorie. Sie riss die Tasche auf, ohne zu wissen, wonach sie eigentlich suchte. Metall klirrte gegeneinander, Kettenglieder, ein silbriger Schimmer. Ringe, Colliers, eine Handvoll Brillanten, die opulente Beute eines Raubzugs. Ganz unten fand sie ein Päckchen aus Stoff, der unter ihren Klauen zerbröckelte. Ein Armband war darin eingeschlagen.
Sie betrachtete die barock ziselierte Rosette aus Gold, die einen riesigen Lapislazuli fasste. Der Stein war von einem Gespinst feinster Silberfäden umschlossen, die in Resonanz mit der Stimme zu schwingen schienen.
Ich kann dich nicht hören.
Nicht hören.
Hören.
Sie entblößte ihr monströses Gebiss zu einem Lächeln und vergaß so viel von ihrem Grimm, dass sie beinahe glücklich war. Zumindest für einen Moment.
Ein Versprechen, sang die Stimme. Versprechen.
Mit der Spitze einer Kralle fuhr sie über die Fäden und brachte sie zum Vibrieren, wie Saiten einer Harfe, die seit zweitausend Jahren nicht gespielt worden war.
RE: Engelsdämmerung (AT) - Sneak Preview. (!erst nach dem Buch lesen!)
in City of Angels 02: Engelsjagd (Andrea Gunschera) 28.12.2010 23:25von agu • Autorin | 213 Beiträge
2
Das erste Siegel schufen sie, um die Stimme des Verführers zu lähmen. Denn die Zahl seiner Anhänger wuchs so schnell, dass sie sie nicht mehr erschlagen konnten.
Sie nahmen Coeruleum Scythium von den Abhängen des Hindukusch, den reinsten und größten Lapis aus dem Diadem eines Königs. Und sie befahlen Lugal , dem Schöpfer der Seelensteine, ein Gefängnis zu schmieden, so stark, dass es einen Halbgott halten konnte.
Aus dem Tagebuch des Vedric Cerencia, Großmeister der Raphaeliten.
Venedig, im Jahr des Herrn 1476
Anna überlief es heiß und kalt, als sie den Pfiff hörte, und gleich darauf Manolos Stimme. Und vor ihr endete die Via Sforcesca in einer krummen Treppe, die hoch zum Klosterweg führte. Sie brauchte all ihre Willenskraft, um nicht zurückzublicken. Mit steifen Schultern stieg sie vom Fahrrad und hob es an, den Kopf nach vorn gerichtet. Nicht umsehen. Nicht die Nerven verlieren.
Nach vier Stufen zitterten ihre Knie.
„Ciao, Süße!“ Schritte näherten sich in ihrem Rücken. „Bist du taub?“
Ihre Schulterblätter brannten. Eine Haarsträhne löste sich aus dem Knoten und kitzelte unerträglich auf ihrer schweißfeuchten Haut. Stur erklomm sie die Treppe, einen Fuß vor den anderen. Bis etwas Hartes sie am Rücken traf und ins Taumeln brachte. Sie verfehlte eine Stufe und fiel auf ein Knie, fing sich mit den Händen, das Fahrrad rutschte ihr von der Schulter und landete scheppernd am Boden.
Ein Lachen flocht sich in das Rauschen der Baumkronen, die Schritte stoppten dicht hinter ihr. Eine Männerhand glitt wie zufällig über ihre Hüften, eine Spur zu tief, um unschuldig zu sein. Kräftige, sonnengebräunte Finger umschlossen den Rahmen und hoben das Fahrrad auf. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie richtete auf und drehte sich um und wich sogleich zurück, weil Manolo so dicht vor ihr stand. Unbeholfen griff sie nach dem Lenker ihres Fahrrads, doch er ließ es nicht los.
„Freust du dich, mich zu sehen?“
Sieben Jahre, und sie konnte kaum glauben, wie wenig er sich verändert hatte. Sein Haar war nun länger als früher und stieß ihm auf die Schultern. Ein paar Linien um sein Kinn und die Nase hatten sich verhärtet, sonst sah er aus wie am Tag der Abschlussfeier am Julio Cesare Lyzeum. Sein Lächeln verbarg den arroganten Zug um die vollen Lippen und entblößte makellos weiße Zähne. Er lächelte sie an wie ein böser Geist aus der Vergangenheit.
„Warum fragst du ausgerechnet mich das?“ Sie versuchte, sich kühl zu geben, doch ihre Stimme betrog sie. Hinter Manolo stand ein zweiter Mann mit kurzen schwarzen Locken, der unbehaglich grinste.
„Das ist mein Freund Mirko“, stellte Manolo ihn vor. „Ich habe ihm alles von dir erzählt.“ Er betonte den Satz auf eine Weise, der keinen Zweifel daran ließ, was ‚alles’ bedeutete. „Freust du dich, mich zu sehen? Du hast dich bestimmt jeden einzelnen Tag nach mir verzehrt.“
Sie wurde rot. In ihrer Kehle kratzte eine Mischung aus Scham und Angst und Feindseligkeit. Warum hatte ausgerechnet Manolo zurückkommen müssen nach Lanuvio, wo doch alle anderen nicht eilig genug von hier wegziehen konnten? Und warum, um der Liebe Gottes willen, hatte er nach sieben Jahren nichts Besseres tun, als ihr nachzustellen?
„Gib mir mein Fahrrad.“ Sie hasste den bettelnden Ton, der sich in ihre Stimme schlich.
„Wir könnten heute Abend miteinander ausgehen.“ Sein Lächeln wurde breiter und eine Spur gehässiger. „Gib’s zu, du hast nur darauf gewartet, dass ich dich frage. Jedes Mal, wenn du mich siehst, renkst du dir den Hals nach mir aus.“
Das war eine Lüge. Trotzdem brannten ihre Wangen wie Feuer. Vor zwei Wochen hatte sie ihn durchs Fenster des Café Savonarola gesehen und war so schockiert gewesen, dass sie ihn mehrere Sekunden lang anstarren musste, um sicherzugehen, dass die Einbildung ihr keinen Streich spielte. Und dann hatte sie Julia in der Bibliothek nach ihm gefragt. Julia, die immer auf dem Laufenden war, wusste natürlich von der Neuigkeit. Julia wusste auch, dass Manolo durch die Prüfungen gerasselt und sein Jurastudium abgebrochen hatte. Sein Vater weigerte sich, ihm das bequeme Leben in Florenz weiter zu finanzieren, und Manolo kochte, weil er gezwungen war, im väterlichen Autohaus zu arbeiten. Der hübsche, eingebildete Manolo, ein Autoverkäufer. Sie hatten beide gelacht.
Jetzt war ihr nicht mehr nach Lachen zumute.
Sie packte den Fahrradlenker und versuchte, ihn Manolo aus der Hand zu reißen. „Gib es mir!“
„Ich hab auch noch das Bild von dir. Ich sehe es mir ziemlich oft an. Mirko fand es auch sehr sexy. Stimmt’s, Mirko?“
Das Lächeln auf dem Gesicht des anderen Mannes verblasste. „Hör auf, Manolo. Lass sie doch in Ruhe, wenn sie nicht will.“
„Klar will sie. Sie traut sich nur nicht, es zuzugeben. Sie ist eben schüchtern.“ Manolo löste eine Hand vom Lenker und berührte sie an der Wange, so schnell, dass sie nicht rechtzeitig ausweichen konnte. „Gib’s doch zu, Anna. Es muss dir nicht peinlich sein.“
Eine Welle erbärmlicher Angst schlug über ihr zusammen. Das Bild. Sie hasste ihn so sehr. Sie hatte das alles verdrängt, die Hoffnung, die Angst, die Gewalt, die plötzlich in der Luft hing. Seine Hand unter ihrem T-Shirt und an den Knöpfen ihrer Jeans, an ihrem Höschen, sie wehrte sich, es war kalt im Auto, sie ohrfeigte ihn und der Moment der Erleichterung, als er von ihr abließ. Nur um eine Sekunde später ihren Arm zu verdrehen. Der Schmerz brach ihren Widerstand. Und seine Stimme, dachtest du, ich will was von dir, du hässliche Schlampe? Wer will schon mit dir schlafen? Und jetzt halt still.
Sie hätte auf ihr Bauchgefühl hören sollen. Manolo, der aufregendste Mädchenschwarm am Lyzeum, der jede haben konnte, wollte ausgerechnet mir ihr ausgehen? Natürlich war es eine Wette gewesen, und es ging um ihr verdammtes rotblondes Haar, das sie sich danach jahrelang schwarz gefärbt hatte. Die Jungs hatten gewettet, ob ihr Schamhaar die gleiche Farbe hatte.
Ihre Angst war wie ein lähmendes Gift. Verzweifelt kämpfte sie gegen die Tränen. Sie wollte ihre Schwäche nicht zeigen, das machte es nur noch schlimmer und dann –
Was dann? Würde er sie auf offener Straße vergewaltigen? Wohl kaum.
„Lass mich in Ruhe“, presste sie zwischen zitternden Lippen hervor.
„Oder was?“ Sein Griff um ihr Handgelenk tat ihr weh. „Was sonst? Hetzt du mir sonst wieder deine Mönche auf den Hals?“
„Lass los!“, fuhr sie ihn an. Sie riss so heftig an ihrem Arm, dass sie Manolo aus dem Gleichgewicht brachte. Er ließ das Fahrrad los, das noch ein Stück die Treppe hinunterrutschte. Seine andere Hand kam hoch, packte sie um die Hüfte und zog sie an sich.
Panik schwemmte über sie hinweg. Plötzlich nahm sie alle Sinneseindrücke verzerrt und wie in Zeitlupe wahr.
„Manolo, bitte!“, schnitt Mirkos Stimme durch den Nebel. „Lass sie doch.“
Und dann eine weitere Stimme, energisch und befehlsgewohnt. „Was geht hier vor?“
Manolo ließ sie so plötzlich los, als habe er sich verbrannt. Anna erhaschte einen Blick auf Bartolo, der hinter der Biegung der Treppe aufgetaucht war, wie von Gott gesandt. Sie war so erleichtert, den Pater zu sehen, dass sie am liebsten auf ihn zugerannt und sich hinter seiner Kutte versteckt hätte. Aber sie war kein kleines Kind mehr, sie war eine fünfundzwanzigjährige Frau und dazu die jüngste, die je einen Doktortitel in Kirchengeschichte an der Vatikan-Universität erlangt hatte. Mit einem Schlag kehrte die Scham zurück. Trotz akademischer Würden war sie wieder die Aussätzige, mit der keiner was zu tun haben wollte und die sich gegen Jungs wie Manolo nicht zur Wehr zu setzen vermochte. Noch immer war sie nicht fähig, auf eigenen Füßen zu stehen. Sie fragte sich, ob Bartolo es nicht langsam müde war, sie wieder und wieder zu retten. Ob er es manchmal bereute, sie bei sich behalten zu haben, statt sie nach St. Helena zu geben?
Die durchdringend hellgrauen Augen des Priesters hielten sie fest. „Haben sie dir etwas getan?“
„Nein.“ Ihre Antwort war kaum mehr als ein Wispern. Sie beeilte sich, ihr Fahrrad aufzuheben, um seinem Blick auszuweichen. An der Gabel war der blaue Lack abgeschrammt.
„Verpisst euch“, hörte sie Bartolo sagen. „Und Manolo, halt dich in Zukunft fern von ihr. Sonst nehme ich deinen Vater auf ein Wort beiseite, und dann Gnade dir Gott.“
„Schlampe“, zischte Manolo an ihrem Ohr. „Du kannst dich nicht immer hinter ihm verstecken.“
Sie wollte etwas erwidern, eine schlagfertige Attacke, doch wie immer fiel ihr nichts ein, außer kindischen Beleidigungen. Sie schwieg, um nicht den Rest ihrer Würde zu verlieren.
„Was hast du gesagt?“, fragte der Priester.
„Nichts.“ Das Grinsen auf Manolos Gesicht kehrte zurück, auch wenn es jetzt mehr wie ein Zähnefletschen wirkte. „Schönen Tag noch, Padre.“
Er packte Mirko am Arm und zog ihn mit sich. Anna glaubte, sie lachen zu hören, während sie die Stufen hinunter rannten. Dann drehte sie sich zurück zu Bartolo.
„Was ist passiert?“, fragte er.
„Nichts.“
Der Pater runzelte nur die Stirn, drang aber nicht weiter in sie. Nebeneinander stiegen sie die Treppe hoch. Sie war dankbar, dass er nicht versuchte, ihr das Fahrrad abzunehmen. Sie hasste ihre Schwäche, so wie sie Bartolos Stärke bewunderte. Jeder hatte Respekt vor dem Pater. Selbst Typen wie Manolo wagten es nicht, sich mit ihm anzulegen. Und das lag nicht nur an Bartolos einschüchternder Gestalt. Obwohl er inzwischen über die Fünfzig hinaus war, besaß Bartolo immer noch die Statur eines amerikanischen Eishockey-Spielers und die Priesterkutte milderte diesen Eindruck nicht. Sein Gesicht bestand aus lauter unbarmherzigen Linien, und mit seiner Rhetorik nagelte er sogar den Bürgermeister an die Wand, den wegen seiner Beziehungen zur Mafia sonst niemand anzutasten wagte.
Die Kinder in der Schule nannten ihn heimlich Putin, denn er hatte Ähnlichkeit mit den Bildern des russischen Premiers mit der KGB-Vergangenheit. Tatsächlich waren seine blonden Haare Anlass für ein hässliches Gerücht, mit dem ihre Klassenkameraden sie gequält hatten, während ein kleiner Teil von ihr sich gewünscht hatte, dass es die Wahrheit wäre. Dass sie kein unerwünschter Balg war, den eine Prostituierte auf den Klosterstufen abgelegt hatte, sondern Bartolos leibliches Kind, das er verleugnen musste, um seine Priesterwürde und den Rang in der Bruderschaft nicht zu verlieren.
„Vielleicht war das ein Fehler“, seufzte Bartolo, „mit seinem Vater.“
Sie schreckte aus ihren Gedanken auf. „Was meinst du?“
„Manolo. Damals, als er dich – “, er machte eine vage Handbewegung, als wolle ihr die Details ersparen, „Ich habe danach mit seinem Vater gesprochen.“
Hitze schoss ihr ins Gesicht. Ihre Ohren, ihr Hals glühten wie Feuer.
„Der Alte hat ihn krankenhausreif geprügelt und ihm das Leben zur Hölle gemacht. Ein Wunder, dass der kleine Bastard überhaupt noch nach Florenz zum Studium durfte. Sein Vater hat ihn kurz gehalten.“
„Du hast was?“ Sie konnte es einfach nicht glauben. „Aber wie konntest du ... ich meine, woher wusstest du überhaupt davon?“ Und wusste er auch von dem Bild? Ihr wurde schlecht vor Schreck. Sie hatte niemandem von dem Abend erzählt. Niemandem außer Julia, und Julia hatte Schweigen gelobt.
„Manolo scheint zu glauben, dass du mich auf seinen Vater gehetzt hast“, fuhr er fort. „Das tut mir leid, das war unbedacht von mir.“
„Hat Julia es dir gesagt?“ Es gelang ihr nicht, ihre Stimme zu kontrollieren. „Ich wusste, dass sie den Mund nicht halten kann. Ich hätte ihr nie – “
„Nein“, unterbrach er sie. „Einer von den anderen Jungs hat ihn angeschwärzt. Manolo hat sich damit in der Schule gebrüstet.“
Die Tränen, die sie zuvor so mühsam unterdrückt hatte, quollen ihr nun unter ihren Lidern hervor. Wer weiß, wie viele Mitschüler das Foto gesehen hatten. Und wie viele von den Lehrern. Plötzlich war alles wieder da, als wären keine sieben Jahre vergangen, sondern höchstens ein paar Tage. Die Demütigung, ein kaltes Feuer, das ihr die Kraft aus den Gliedern brannte.
Auf der letzten Windung wurden die Steinschwellen durch Stufen aus festgestampftem Lehm ersetzt. Wind frischte auf und rüttelte an den Zweigen der Pinien, die den Weg verschatteten. Zapfen und kleine Zweige prasselten zu Boden, ein Schwarm Vögel flatterte auf. Die warme Märzsonne hatte auch die letzten Schneereste geschmolzen und füllte die Luft mit Frühlingsduft.
„Mach dir nicht so viele Gedanken“, sagte Bartolo. „Manolo ist ein Maleducato wie sein Vater. Nur ein Bauer, der sich einbildet, das Zeug zum Herrn zu haben. Er ist deine Aufmerksamkeit nicht wert. Anna, das Leben hält Größeres für dich bereit.“
Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und verschmierte die Tränen auf ihren Wangen. Bartolo hörte sich gut und vernünftig an, wie immer, wenn er mit ihr sprach. Doch sie war schwach und er stark und sie fragte sich, ob er ihre Schwäche nicht verachtenswert fand. Er hatte sie aufgezogen wie ein Vater und ließ sie nie sein Missfallen spüren, aber trotzdem fühlte sie sich, als könnte sie seinen Erwartungen nicht gerecht werden. Vor allem, wenn er sie beschützen musste. Wieder einmal.
Dabei hatte sie die Rückkehr nach den Jahren in Rom mit Euphorie erfüllt. Sie liebte Lanuvio, die vertraute Stille der Abtei, die langen Regalreihen der alten Bibliothek, die mit Schriften angefüllt waren, von denen selbst der Vatikan nichts wissen durfte. Lanuvio war ihre vertraute Heimat, und mit den Jahren waren die Demütigungen in der Schule verblasst und die wissenden Blicke der Klatschweiber hatten an Schärfe verloren.
Sie war furchtbar stolz gewesen auf ihre Abschlussurkunde und die Beurteilung ihres Professors und auf Pater Bartolos wohlwollenden Blick, als sie sie ihm präsentierte. Und Manolo brauchte nur fünf Minuten, um alles wertlos erscheinen zu lassen.
Ein Mensch hat nur soviel Macht über dich, pflegte Bartolo zu sagen, wie du ihm zugestehst. War es demnach ihre eigene Schuld, dass Typen wie Manolo sie belästigten? Verlieh sie ihnen Macht?
Bartolo war nur zu freundlich, um es auszusprechen. Wie sollte sie ihre Aufgaben in der Bruderschaft schultern, wo sie die Jahre in Rom nur überstanden hatte, weil sie sich von den anderen fernhielt, mit niemandem ein Wort wechselte und froh war, dass ihre Mitstudenten sie bald für eine autistische Verrückte hielten, mit der man nichts zu tun haben wollte?
RE: Engelsdämmerung (AT) - Sneak Preview. (!erst nach dem Buch lesen!)
in City of Angels 02: Engelsjagd (Andrea Gunschera) 28.12.2010 23:26von agu • Autorin | 213 Beiträge
3
Und Raphael, der gesandt worden war, die Strafe des Herrn über die gefallenen Engel zu bringen, trat vor Naram,, den König von Babylon.
Auf deinen Schultern lastet eine schwere Aufgabe, sprach Naram . Doch ich werde dir helfen. Denn sein Herz war noch immer voll Groll über den Verrat des Asâêl, des Ersten der Gefallenen, der seine Lieblingsfrau gestohlen hatte. […] Also sprach Naram zu Raphael: Wähle aus den Besten meiner Krieger und befiel ihnen und sie werden dir zu Diensten sein.
Und so geschah es, dass die Krieger des Königs dem Erzengel die Treue gelobten und ihre Schwerter im Blut der Nephilim badeten, wo immer sie sie fanden. Und ihr Ruhm mehrte sich und verbreitete sich weit über die Grenzen des Reiches.
Asâêl aber und seine Engel […] schnitten durch die Reihen der Raphaeliten wie ein Feuersturm und erschlugen sie zu Dutzenden und selbst der Erzengel konnte ihrer Wut nicht Einhalt gebieten. Zorn und Trauer erfüllten Raphaels Herz, als er sah, wie seine Getreuen niedergeschlachtet wurden wie Vieh und ihr Blut die Ströme rot färbte.
Die verbliebenen Streiter flohen vom Schlachtfeld und zogen sich hinter die Mauern ihres Tempels zurück. Und Karzuhl, der höchste Magier des Königs, lehrte Raphael, aus seinem Zorn und dem Feuer der Erzengel eine Waffe zu formen.
Im Herzen von Uruk erschufen sie die Bestie.
Chronik der Raphaeliten. Konstantinopel-Schriftrollen, Kap. V
Vitalis Telefon klingelte lange vor Anbruch der Morgendämmerung, während er schlaflos im Bett lag und dem aufkommenden Sturm lauschte. in seinem Bostoner Apartment an der Atlantic Avenue lag und dem aufkommenden Sturm lauschte. Die italienische Nummer auf dem Display war ihm vertraut. Er glaubte nicht an Vorahnungen, doch diesmal überfiel ihn eine und ließ ihn sekundenlang zögern, bevor er abnahm.
„Bartolo“, begrüßte er den Mann auf der anderen Seite. „Es ist mitten in der Nacht.“
„Es ist wichtig.“
„Das sagst du immer.“
Bartolos Lachen hallte durch die Leitung, volltönend und glasklar, als lägen keine sechstausend Meilen Atlantik zwischen ihnen. Ernsthaftigkeit kehrte in seine Stimme zurück. „Die Bruderschaft benötigt deine Hilfe.“
„Was brauchst du?“
„Ich brauche deinen Engel des Todes.“
Erleichtert sackte Vitali zurück in die Kissen. Die Dunkelheit, die ihn für einen Herzschlag gestreift hatte, war nicht mehr als die Einbildung eines alten Mannes gewesen. Keine Katastrophe hatte die Angeln der Welt erschüttert. Die Bruderschaft wollte jemanden aus dem Weg räumen, das war alles. „Gib mir den Namen.“
„Vitali“, ein Zögern glitt in Bartolos Stimme, „diesmal ist es anders. Von dieser Mission kommt er vielleicht nicht mehr zurück.“
Die Gischt traf sein Gesicht wie ein Peitschenschlag, doch Kain wandte den Kopf nicht ab. Salzwasser tränkte seine Locken und brannte ihm in den Augen und troff ihm eisig kalt auf die Schultern herab.
Eve, flüsterte der Sturm. Eve, zischten die Wellen. Eine neue Woge stürzte mit solcher Wucht über ihm zusammen, dass er vom Rand des Stegs zurücktaumelte. Eve war in seinem Kopf, sie brodelte in seinem Blut. Sie tanzte auf seinen Lippen, wenn er trank. Und wenn er schlief, fand sie ihn schutzlos in seinen Träumen.
Er fragte sich, wie lange er so weiterleben konnte. Und ob er sie töten musste, um sich selbst zu erlösen. Dabei wusste er, dass er nicht fähig war, Hand an sie zu legen. Der Blutfluch war stärker als sein Überlebensinstinkt. Am nachtschwarzen Horizont tanzten die Scheinwerfer der Küstenpatrouillen wie Irrlichter. Blicklos starrte er aufs Meer hinaus.
Dann drehte er sich um und wanderte zurück zur Hafenpromenade, zwischen Schiffsrümpfen hindurch, die unruhig gegen Holzpoller stießen. Eve kreiste wie Gift in seinen Adern. Er spürte, wie sie ihn zersetzte, und konnte nichts tun, um es aufzuhalten.
Um diese Zeit der Nacht, kurz bevor Purpur den Himmel färbte, lagen Bostons Straßen verlassen. Die Clubs hatten geschlossen, die letzten Nachtschwärmer den Weg ins Bett gefunden, das eigene oder das eines Fremden. Kain überquerte den William Morissey Boulevard, dessen sechs Fahrspuren gespenstisch leer im Licht der Straßenlampen glänzten. Sein Körper schmerzte vor Müdigkeit, doch sein Geist war zu aufgewühlt, um Schlaf zu finden, wie all die Nächte zuvor.
Ohne echtes Ziel driftete er die Columbia Road hinab, unter dem Freeway hindurch und tiefer in die nachtstillen Viertel aus einst herrschaftlichen, nun aber heruntergekommenen Häusern im viktorianischen Stil, bedrängt von Industriebrachen und Lagerhäusern voller Graffiti. Seine Rastlosigkeit verdichtete sich zu Aggression. Seine Muskeln barsten vor Kraft, seine Sinne vibrierten. Er hatte vor weniger als vier Stunden getrunken, ein Obdachloser, mehr Bedürfnis als Vergnügen. Niemand würde den Mann vermissen.
An der Kreuzung Cottage und Norfalk Avenue schoss ein Wagen um die Ecke. Kain machte einen Satz zurück auf den Bordstein, um nicht überfahren zu werden. Das Aufheulen des Motors brach sich an den Hauswänden, Linkin’ Park drang durch die Scheiben. Eine unvernünftige Wut schoss in ihm hoch und ließ ihn nach der Desert Eagle greifen, die sich am Rücken unter seiner Jacke verbarg. Der Wagen verschwand mit quietschenden Reifen in einer Querstraße. Er löste die Finger vom Griff der Pistole und bleckte die Zähne. Wind zerrte an seinen salzfeuchten Locken und überzog seinen Nacken mit Gänsehaut.
Es stimmte, was Vitali ihm in einem Anfall von Zorn vorgeworfen hatte. Seit er von Los Angeles zurückgekehrt war, hatte er sich nicht mehr unter Kontrolle. Und es wurde schlimmer. Vitali glaubte, dass es mit seinem Vater zu tun hatte, den Kain auf dem Dach von Maryan’s Cathedral in der Stadt der Engel getötet hatte. Aber das stimmte nicht. Der Bastard hatte den Tod hundertfach verdient, und Kain bedauerte nur, dass es so schnell gegangen war. Er hatte sich mehr Befriedigung erhofft, doch da war nur neblige Leere, wo ihn zuvor Rache getrieben hatte. Kein Hochgefühl, nur Gleichgültigkeit.
Eve, wisperten die Kronen der Bäume.
Er tat nichts, um Vitali’s Annahme zu korrigieren. Den Anwalt ging es nichts an. Vitali wusste doch nicht einmal, was ein Blutfluch bedeutete. Am Ende war er nur ein Mensch. Einer, der ohnehin zu viel wusste. Mit einem Hauch Bedauern dachte Kain, dass er ihn irgendwann würde töten müssen. Vitali hatte viel für ihn getan. Doch nichts ist für ewig.
Während er die Straße überquerte, bemerkte er, dass jemand ihm folgte. Wie von selbst verzogen seine Lippen sich zu einem Lächeln. Lebendigkeit spülte über ihn hinweg, ein Hauch fiebriger Erregung. Er befand sich inzwischen tief in Gang-Territorium. Kein Mensch ging nach Einbruch der Dunkelheit in Roxbury spazieren , außer, er hatte sich verlaufen oder suchte nach Ärger.
In den Scheiben eines Schnapsladens erhaschte er einen Blick auf das Spiegelbild der drei Puertoricaner, die sich keine Mühe gaben, unauffällig zu sein. Er verlangsamte seine Schritte, damit sie aufholen konnten.
„Eh Gringo, hast du eine Zigarette?“
Ein Stein prallte neben seinen Füßen auf den Asphalt. Er hielt nicht inne.
„Bist du taub, hijo de puta?“ Ihr Kichern hallte die leere Straße hinunter. Dann krachte ein Schuss, ohrenbetäubend, das Projektil riss Putz und Holzsplitter aus der Hauswand. „Bleib stehen, Arschloch! Ich rede mit dir!“
Ein erwartungsvoller Schauer rann sein Rückrat hinab. Sein Lächeln vertiefte sich, während er sich umdrehte und ihnen entgegen sah, bis er ihre Gesichter erkennen konnte. Zwei von ihnen waren sehr jung. Der Dritte, ein Latino mit muskulösen Schultern und knielangen, blau karierten Baggy-Shorts, hatte die Pistole. Sein Schädel war kahl rasiert und mit einem Falken tätowiert, dessen Flügelspitzen die Schläfen berührten.
Der Kerl blieb zwei Meter vor ihm stehen und hielt seine Freunde mit ausgestrecktem Arm zurück. Nachlässig hob er die Pistole, bis die Mündung auf Kains Unterleib zielte.
„Was grinst du so blöd, mojón?“
„Es ist eine schöne Nacht.“
Verwirrung färbte den Blick des Latinos, verwandelte sich in Misstrauen und plötzliche Wachsamkeit. Die Pistole ruckte ein Stück höher. „Bist du ein Cop?“
„Findest du, ich sehe wie einer aus?“
Die anderen zwei Jungs kicherten. Sie erfassten nicht die plötzliche Anspannung, die Falke erfasste. Einer zog nun ebenfalls seine Waffe, eine Smith&Wesson, die zu groß für seine Hände wirkte. Der andere verhakte seine Daumen im Hosenbund, doch Kain zweifelte nicht daran, dass auch er bewaffnet war.
„Du bist kein Cop.“ Falke leckte sich die Lippen und entblößte gelbliche Zähne. Kain beobachtete, wie Speichelbläschen auf den Schleimhäuten zerplatzten. Er roch die Ausdünstungen des Latinos, in denen jetzt Unsicherheit brannte, sogar ein Hauch Angst. Aber der Mann konnte nicht zurück, ohne Schwäche vor seinen Compadres einzugestehen. Obwohl Kain satt war, stellte er sich unwillkürlich vor, wie Falkes Blut schmecken würde, warm und metallisch und angenehm salzig in der Kehle.
„Du bist kein Cop, oder?“ Falkes Lachen klang eine Spur zu laut. „Ich kann Cops nämlich riechen, und du riechst nicht wie einer.“ Der dunkle Blick flackerte.
Für einen Moment fürchtete Kain, dass der Latino doch noch einen Rückzieher machen würde. Der Kerl war nicht dumm und seine Straßeninstinkte schlugen an. In einer Sekunde würde ihm egal sein, ob er sein Gesicht vor den beiden anderen Jungs verlor oder nicht.
„Aber du riechst, als hättest du dir in die Hose gepisst, pujo.“ Kain rollte die Silben des spanischen Schimpfworts genüsslich auf der Zunge. „Hast du?“
Scharf sog Falke den Atem ein. Die Hand mit der Pistole kam hoch, er setzte auf Kain zu, wohl um ihm einen Hieb ins Gesicht zu verpassen. Kain wich aus und packte seinen Arm. Im Augenwinkel nahm er wahr, wie der junge Latino die Smith&Wesson hob. Gebrüll erfüllte die Gasse, ein Schwall spanischer Verwünschungen, Falkenschwinges Schmerzensschrei, als er ihm den Arm brach. Schüsse, Kain spürte die Einschläge in seiner Brust. Die Wucht der Projektile ließ ihn zurückstolpern, Qual loderte auf und brannte alles andere fort. Eve verglühte zu Asche.
Und er schwelgte in den Schmerzen, ließ sich tief hinein stürzen, bis sein Herzschlag ihm wie Schmiedehämmer in den Schläfen dröhnte, bis Adrenalin und Blutrausch ihn überwältigten und die Farben gleichzeitig verschwammen und zu brillanter Schärfe erblühten.
Er musste husten und schmeckte sein eigenes Blut, griff unter die Jacke und zog die Desert Eagle.
„Erschieß ihn endlich!“, brüllte einer der Jungs. „Er hat eine Waffe!“ Mehr Schüsse krachten. Dieses Mal ließ er sich in die Knie sinken, katzenschnell, so dass die Kugeln über ihn hinweggingen. Zugleich hob er die Pistole und feuerte selbst. Den Jungen mit der Smith&Wesson traf er in die Kehle, Falke ins Knie und in die Schulter. Der Latino taumelte und stürzte. Der letzte der drei fuhr herum und floh. Kain widerstand der Versuchung, ihn mit einem Schuss in den Rücken von den Füßen zu holen. Ohne Eile richtete er sich auf und schob die Desert Eagle zurück in den Gürtel. Falke wälzte sich herum und tastete wie besessen nach der Waffe, die er verloren hatte.
Kain blieb über ihm stehen und zog das Messer aus der Scheide am Fußknöchel. Beiläufig trat er mit einem Fuß auf Falkes Handgelenk, mit dem anderen stieß er die Pistole beiseite. Dann ließ er sich in die Hocke sinken und klemmte Falkes Arme unter seinen Knien ein. Der Mann brüllte auf, als er den gebrochenen Arm belastete. Der Geruch seines Blutes stieg Kain in die Nase und verursachte ihm ein angenehmes Schwindelgefühl.
„Wer bist du?“, keuchte der Latino.
„Kein Cop.“ Kain setzte ihm die Klinge auf die Kehle. „Wehr dich am besten nicht.“
RE: Engelsdämmerung (AT) - Sneak Preview. (!erst nach dem Buch lesen!)
in City of Angels 02: Engelsjagd (Andrea Gunschera) 29.12.2010 14:52von agu • Autorin | 213 Beiträge
Gerade stelle ich fest, dass sich das in Forums-Thread-Form eher nicht so angenehm liest ... deshalb gibts hier einen Link für das Ganze in übersichtlicher PDF Form :)
RE: Engelsdämmerung (AT) - Sneak Preview. (!erst nach dem Buch lesen!)
in City of Angels 02: Engelsjagd (Andrea Gunschera) 29.12.2010 15:33von Mrs.Bennet • Bücherwurm | 1.385 Beiträge
RE: Engelsdämmerung (AT) - Sneak Preview. (!erst nach dem Buch lesen!)
in City of Angels 02: Engelsjagd (Andrea Gunschera) 29.12.2010 15:53von JennyB • Autorin | 204 Beiträge
Klasse, danke Andrea!
Schöne Leseprobe, ich will hier und jetzt mehr

Nur eine Kleinigkeit ist mir aufgefallen: Dass Kain das Tattoo von Falke erkennen kann, wenn er ihm gegenüber steht, kann ich mir nicht vorstellen, außer Falke beugt sich vor/ neigt den Kopf oder sowas.
Das den Kapiteln Vorangestellte - Ist das von dir oder beruht das auf Mythen?
Nazgarth und unter den Mauern von Uruk erinnern nämlich ein wenig arg an den Herrn der Ringe

Entweder das - oder ich muss mich für meine geringe religiöse Bildung schämen.
Weil die Guten manchmal böse sind ... (Wink)
Liebe Grüße, Jenny
RE: Engelsdämmerung (AT) - Sneak Preview. (!erst nach dem Buch lesen!)
in City of Angels 02: Engelsjagd (Andrea Gunschera) 29.12.2010 16:02von Gesil • Büchernarr | 771 Beiträge
Hallo Andrea,
ich will auch mehr, SOFORT! *g*
Aber hab ersteinmal recht herzlichen Dank für den Ausblick!
Hallo Jenny,
Zitat von JennyB
Nazgarth und unter den Mauern von Uruk erinnern nämlich ein wenig arg an den Herrn der Ringe
Das ist mir auch so gegangen. Aber Uruk gab es wohl wirklich:
http://de.wikipedia.org/wiki/Uruk
Gruß Gesil
RE: Engelsdämmerung (AT) - Sneak Preview. (!erst nach dem Buch lesen!)
in City of Angels 02: Engelsjagd (Andrea Gunschera) 29.12.2010 16:16von agu • Autorin | 213 Beiträge
Hallihallo -
richtig, Uruk ist echt.
Und warum gerade Uruk? Weil es eine der ältesten Königs-Städte im Zweistromland ist (im heutigen Irak gelegen), was ja auch die Gegend ist, in der die Bibel spielt. Also ein plausibler Ort für Begegnungen zwischen lokalen Königen, pflichtvergessenen Engeln, die lieber deren Haremsfrauen nach den Röcken greifen, als das Paradies zu errichten, und zornerbosten Erzengeln, die eine Gefolgschaft für die Jagd auf besagte Engel sammeln.
Der Nazgarth ist erfunden ... aber 'Herr der Ringe' klingt gar nicht abwegig, dort heißen die bösen Könige nämlich Naz'ghul. Daher drängt sich die Assoziation auf.
Die vorangestellten Kapitel-Texte sind diesmal auch erfunden, vielleicht finde ich aber noch passende Zitate aus den Qum'ran-Rollen
. Mal sehen... momentan diskutiere ich gerade mit einem Spezialisten alt-babylonische Keilschriftzeichen für bestimmte Begriffe.
Liebe Grüße,
Andrea
RE: Engelsdämmerung (AT) - Sneak Preview. (!erst nach dem Buch lesen!)
in City of Angels 02: Engelsjagd (Andrea Gunschera) 29.12.2010 17:14von agu • Autorin | 213 Beiträge
... und wegen dem Falken (verflixt, ich kann hier keine Postings editieren, muss immer nen neuen anfangen, wenn mir noch was einfällt) -
Jahaaa, dem blüht noch ne Überarbeitung. Ich wollte nur irgendein markantes Detail an ihm, nach dem ich ihn benennen kann, damit ich ihn nicht immer als 'der Latino' oder 'der Kerl mit der Baggy-Shorts' bezeichnen muss. Vielleicht kriegt er ne Hakennase. Oder er heißt Glatzkopf, mit kahlgeschorenem Haar. Oder so was.
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